August Arnold und Robert Richter kannten sich schon aus der Schule. Sie waren beide begeisterte Techniker und liebten den Film. Irgendwann begannen sie damit, monumentale Western zu drehen, als Kulisse diente damals das Isartal. Und sie gründeten mit den Erlösen aus diesen Filmen eine Firma, deren Namen sie aus den Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen zusammensetzen: Arri.
Das war 1917, von da an ging es aufwärts. Innerhalb der vergangenen fast 110 Jahren war Arri nicht nur immer in Familienbesitz. Das Münchner Unternehmen wurde im Laufe der Zeit auch zum weltgrößten Hersteller von professionellen Filmkameras und Lichttechnik. Es wurde zu einem Unternehmen mit Weltruf, zu einer Ikone in der Filmindustrie, auch wenn die Firma während des Nationalsozialismus eine zweifelhafte Rolle spielte. Nicht nur in Hollywood vertraute man auf die spezielle Technik aus München, weltweit war Arri-Technik bei vielen Filmklassikern im Einsatz. Arri stand immer für höchste Qualität und Perfektion und wurde vielfach in Los Angeles mit einem der begehrten Technik-Oscars ausgezeichnet. In Spitzenzeiten soll der Umsatz bei etwa einer halben Milliarde Euro gelegen haben.
Doch dann kam die Digitalisierung auch in der Filmwirtschaft. Die Zeiten wurden schwierig, eine digitale Kamera wurde erst spät entwickelt, zum ersten Mal kam ein solches Produkt 2005 auf den Markt. In den vergangenen Jahren ist Arri immer wieder in tiefe Krisen geraten. Nun musste die Familie das Unternehmen verkaufen, an einen Investor aus Wuppertal. Thomas Riedel, Gründer und Inhaber der Riedel Group, übernehme Arri, teilte das Unternehmen mit. Riedel biete „Technologie- und Infrastrukturlösungen für Audio, Video und Daten“ und sei in Film- und Sportproduktionen aktiv, heißt es. Die Firma sei 1987 gegründet worden und beschäftige an 30 Standorten weltweit 1000 Mitarbeitende – und ist damit kleiner als Arri, die derzeit etwa 1300 Mitarbeitende hat.
Arri war immer stolze Familienfirma
Es ist jedenfalls das Ende einer langen Familientradition. Arri war immer stolz auf seine Familieneigentümer, auch als die Geschäfte immer schlechter liefen. Die Umsatzrückgänge und steigenden Kosten konnten nicht mit Sparmaßnahmen aufgefangen werden. In den vergangenen Jahren wurde das angestammte Firmengelände in zentraler Lage in München nicht weit von der Universität verkauft. Doch auch das brachte nicht den Befreiungsschlag. Das Problem: Die Arri-Produkte sind nach wie vor hochwertig, aber die Nachfrage nach großen Kameras geht angesichts immer neuer technischer Möglichkeiten zurück.
Wie es jetzt weitergeht, ist offen. Schon zuletzt wurden bei Arri Stellen abgebaut und Standorte geschlossen, die Verunsicherung in der Belegschaft war groß. Arri stehe seit über einem Jahrhundert „für Ingenieurskunst, Innovationskraft und höchste Qualität“, teilte Geschäftsführer Walter Stahl aus Anlass des Verkaufs mit. Er ist auch Mitglied der Gründerfamilie und fügte an: „Diese Erfolgsgeschichte wird nun fortgeschrieben und verbleibt in deutscher Unternehmerhand.“ Arri werde als eigenes Unternehmen mit Sitz in München vorerst erhalten bleiben. Auch das bestehende Management-Team von Arri werde dabeibleiben und „den bereits begonnenen Transformationsprozess des Unternehmens fortführen“.
Es sei eine „außergewöhnliche Marke“, sagt der neue Eigentümer
Der neue Eigentümer stehe für „unternehmerische Kontinuität und langfristiges Denken“, teilte Arri-Geschäftsführer Chris Richter mit. Es sollen nun zusammen mit dem neuen Eigentümer neue Wachstumsfelder erschlossen werden, etwa im Bereich Live-Unterhaltung und Sport. Er habe großen Respekt vor der außergewöhnlichen Marke, sagte Neu-Eigentümer Riedel.
Fast hundert Jahre befand sich die Firma zu je 50 Prozent in Besitz der beiden Gründer und ihrer Nachfahren. Dann aber entschloss sich Robert „Bob“ Arnold, Sohn des Gründers und ein Urgestein der Filmbranche, seine Beteiligung zu verkaufen – an die Nachfahren von Mitgründer Richter. Dessen drei Enkel tragen den Nachnamen Stahl, wie auch einer der Geschäftsführer. Bob Arnolds Abgang im Jahr 2012 war eine Zäsur, er hatte erfolgreich das Geschäft in den USA aufgebaut und Kontakte zu Hollywood gehalten.
Das Problem: Generell werden nicht mehr so viele große Kinofilme gedreht, Filmstudios fusionieren, wie zuletzt Paramount und Warner. Dafür wird mehr für die vielen Streamingdienste produziert. Das erfordert aber oft nicht mehr eine solch spezialisierte Technik, wie sie Arri anbietet. Kleine Digitalkameras sind oft deutlich billiger und haben inzwischen in der Qualität stark aufgeholt. Auch die Corona-Pandemie und der große Schauspielerstreik in Hollywood hatten Arri bereits zugesetzt. Der neue Eigentümer muss nun irgendwie die Wende schaffen. Das aber dürfte nicht einfach werden, der Kostendruck in der Filmbranche ist besonders hoch. Das wird Arri auch in Zukunft spüren.

