Süddeutsche Zeitung

Armuts- und Reichtumsbericht:Was die Deutschen über die Reichen denken

Reichtum? Ja, aber bitte selbst verdient! Der Entwurf des Armuts- und Reichtumsberichts der Regierung zeigt, welche Einstellung die Deutschen zu hohen Vermögen haben. Das Misstrauen ist groß, vor allem Erbschaften erzeugen bei vielen Menschen ein Gefühl der Ungerechtigkeit. Aber wer ist eigentlich reich?

Jannis Brühl, Berlin

Armut und Reichtum sind ein emotionales Thema. Daher hat das Arbeitsministerium für den aktuellen Armuts- und Reichtumsbericht nicht nur Studien zu Einkommen, Vermögen und Bildungschancen in Deutschland analysiert. Die Autoren werteten auch die Untersuchung "Wahrnehmung von Armut und Reichtum in Deutschland aus". Dafür waren 2040 Erwachsene von Marktforschern vom Aproxima-Institut telefonisch befragt worden.

Die wichtigste Erkenntnis des Entwurfs für den Armuts- und Reichtumsbericht lautet: Viele Befragte trauen den Reichen nicht. Sie unterstellen ihnen unter anderem Unehrlichkeit. Mehr als zwei Drittel glauben, dass reiche Menschen zu Unrecht Vorteile genießen. Viele machen sich auch Sorgen über extreme Einkommenssteigerungen. Mehr als 77 Prozent gaben an, dass zu großer Reichtum zu Spannungen in der Gesellschaft führe. Und nicht einmal 20 Prozent sind überzeugt, dass Reiche in Deutschland ihr Geld zum Wohle der Gesellschaft einsetzen.

Kein Problem mit Reichtum haben die Deutschen, wenn harte Arbeit dahintersteht. Fast 85 Prozent der Befragten sind der Meinung, Menschen sollten behalten, was sie für sich selbst erarbeitet haben - selbst wenn dadurch Ungleichheit entsteht.

Doch nicht jeder Euro in Deutschland ist selbst hart erarbeitet. Markus Grabka, der sich am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin mit Ungleichheit beschäftigt, sagt: "In Deutschland spielt der Selfmademillionär keine große Rolle, anders als in den USA. Hierzulande sind Erbschaften und Schenkungen wichtig."

Zum Erben haben die Befragten jedoch ein widerssprüchliches Verhältnis. Einerseits finden fast 80 Prozent, dass es gerecht ist, wenn Eltern ihr Vermögen an ihre Kinder weitergeben. Zugleich geben aber fast 60 Prozent an, dass niemand nur wegen einer Erbschaft bessere Möglichkeiten haben sollte.

"Soziale Mobilität ist nicht sehr groß"

Eine gutsituierte Familie vermuten viele auch als wichtigen Grund für Reichtum: "Bessere Ausgangsbedingungen" ist mit mehr als 40 Prozent der am häufigsten genannte Grund, danach folgt "Leute kennen". Vor allem Befragte, die maximal einen Hauptschulabschluss haben, glauben, dass Menschen reich geworden sind, indem sie unehrlich waren. 38 Prozent der Befragten in dieser Gruppe glauben nicht, dass Vermögende moralisch korrekt an ihren Wohlstand gekommen sind. In der Gruppe der Befragten mit Hochschulreife denken das nur etwa halb so viele.

Furcht vor extremem Reichtum

Zugleich haben jene mit Hauptschulabschluss oder niedrigeren Abschlüssen das mit Abstand größte Vertrauen, mit harter Arbeit reich werden zu können. Dabei sagt Grabka: "Die soziale Mobilität ist nicht sehr groß", sozialer Aufstieg also schwierig. Das gelte nicht nur für den Aufstieg von unten nach oben, sondern auch andersherum: "Ein Abfallen aus der Schicht der obersten zehn Prozent in die ärmere Hälfte der Gesellschaft kommt praktisch nicht vor. Das gilt in besonderem Maße für die Vermögen." Selbst durch die Finanzkrise habe die Zahl der Millionäre nur kurzfristig abgenommen. Es gibt fast eine Million Millionäre in Deutschland.

Aber ab wann sind Menschen eigentlich reich? Das wurde von den Befragten sehr unterschiedlich beantwortet. Selbständige und Menschen mit Hochschulabschluss haben eine relativ hohe "Reichtumsgrenze" von mehr als 9000 beziehungsweise mehr als 12.000 Euro Einkommen im Monat. In vielen anderen Fällen sind diese Einschätzungen den Autoren des Entwurfs zufolge aber "recht willkürlich".

Der Mittelwert liegt bei 9100 Euro, der Median - der Ausschläge nach oben und unten weniger stark gewichtet - liegt bei 4000 Euro. Auf die Frage, welches Vermögen ein Mensch besitzen müsse, um reich zu sein, antworteten die Umfrageteilnehmer im Durchschnitt mit 2,6 Millionen Euro, der Median lag mit 500.000 Euro wieder deutlich darunter.

Wie viel von ihrem Vermögen Wohlhabende der Gesellschaft überlassen, hat der Bericht ebenfalls untersucht. Seit Anfang des vergangenen Jahrzehnts spenden die Deutschen insgesamt weniger - obwohl ihre Einkommen gestiegen sind. Im Schnitt gibt jeder Haushalt 0,36 Prozent seines Nettoeinkommens für wohltätige Zwecke aus. Für das oberste Einkommenszehntel liegt dieser Wert höher, bei 0,57 Prozent. In absoluten Zahlen heißt das für diese Gruppe: Wer spendete, gab im Schnitt 456 Euro.

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