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Deutsche Einheit:Mit weniger Macht

Passanten an der Berliner Mauer: Viele Spitzenjobs werden im Osten noch von Westdeutschen besetzt, auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung.

(Foto: John Macdougall/AFP)

Ostdeutsche schaffen es in Deutschland deutlich seltener in Spitzenpositionen. In ihrem Armuts- und Reichtumsbericht warnt die Bundesregierung sogar vor der Gefahr der Ausgrenzung.

Von Thomas Öchsner

Wer gehört in Deutschland eigentlich zur Elite? Auch damit befasst sich der 6. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, dessen Entwurf nun vorliegt. So viel ist klar: Zur Elite zählen Menschen in Führungspositionen, etwa in der Politik, Wirtschaft, Justiz oder im Militär, "die aufgrund ihrer Position an der Spitze wichtiger gesellschaftlicher Organisationen in der Lage sind, gesellschaftliche Entwicklungen maßgeblich zu beeinflussen". So definiert der Soziologe Michael Hartmann den Begriff der Elite. Nur: In dieser Gruppe, darauf macht der bislang fast 500 Seiten starke neue Bericht des Bundesarbeitsministeriums besonders aufmerksam, sind Ostdeutsche "außerhalb der Politik deutlich unterrepräsentiert". Und an diesem "Makel", so der Bericht, habe sich auch 30 Jahren nach der Wiedervereinigung wenig geändert.

Laut der Regierungsanalyse waren 2016 - aktuellere Zahlen werden nicht genannt - bundesweit weniger als zwei Prozent der Spitzenpositionen von Ostdeutschen besetzt, obwohl sie 17 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Große Ausnahme ist die Bundesregierung, die fast paritätisch mit Ost- und Westdeutschen besetzt ist. Ganz anders sieht es in den Bundesministerien aus: Im August 2020 waren laut dem Bericht lediglich vier von 133 Abteilungsleiterinnen und Abteilungsleitern in Ostdeutschland geboren.

Alte Netzwerke haben Einfluss auf die Rekrutierung von Personal

"Besonders problematisch" sei, dass selbst in Ostdeutschland nur 23 Prozent der Führungskräfte Ostdeutsche waren - bei einem Bevölkerungsanteil von dort 87 Prozent. In der Wirtschaft wurden 2016 nur 33 Prozent der 100 größten ostdeutschen Unternehmen von in Ostdeutschland sozialisierten Chefs und Chefinnen geführt. Nicht besser sieht es in Wissenschaft, Forschung und bei den Gerichten aus. Anteil der Ostdeutschen unter den Rektorinnen und Rektoren der größten ostdeutschen Hochschulen und Leitungsspitzen der größten Forschungsinstitute in Ostdeutschland: 14 beziehungsweise 15 Prozent. Anteil unter den Richterinnen und Richter an den obersten Gerichten in Ostdeutschland: 13 Prozent. Positiv wird in dem Bericht bemerkt, dass "zumindest in der zweiten Reihe der Eliten und in kleineren Unternehmen der Anteil der Ostdeutschen höher liegt und im Gegensatz zu den Eliten in der ersten Reihe auch im Zeitablauf erkennbar zunimmt".

Warum aber sitzen so wenig Ostdeutsche an den Schaltstellen der Macht? Der Regierungsbericht nennt mehrere Gründe: So gab es kein adäquat ausgebildetes Personal nach der deutschen Einheit, heute sind die Posten immer noch von westdeutschen Führungskräften besetzt. Viele gut ausgebildete Fachkräfte hätten Ostdeutschland verlassen, "da sie dort keine optimalen Perspektiven sahen". Entsprechend fehlen diese Fachkräfte für infrage kommende Positionen. Außerdem werde Spitzenpersonal "nicht selten über lange gewachsene und teilweise stark nach außen abgegrenzte Netzwerke" rekrutiert. In dem Regierungsbericht wird deshalb kritisch angemerkt: "So besteht das Risiko, dass sich aus mitunter nachvollziehbar sozial unausgewogenen Stellenbesetzungen in den ersten Übergangsjahren feste Strukturen etablieren, die Ostdeutsche an den Schaltstellen in ihren eigenen Heimatregionen ausgrenzen."

© SZ
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