bedeckt München

Armut:"Nur das Überleben ist gesichert"

Genug ist da: Verteilung von Obst in München, das sonst weggeworfen worden wäre.

(Foto: Catherina Hess)

Verbände warnen vor einem wachsenden Armutsrisiko für Frauen in Deutschland. Vor allem Alleinerziehende müssten mit prekären Arbeitsverhältnissen und geringen Renten auskommen.

Von Markus Balser, Berlin

"Geld weg, Wohnung weg, Freunde weg": Almut Hische, 73, lässt ein ganzes Leben in wenigen Worten an sich vorbeiziehen. "Meine eigene Geschichte gleicht einem Sinkflug ins soziale Abseits", stellt die Hamburgerin nüchtern fest. Den ersten unbefristeten Job habe sie mit 36 an einer Hochschule bekommen. Mit Anfang 40 wurde sie Mutter, zog ihre Tochter alleinerziehend auf, ging in unbezahlten Mutterschutz. Hische pflegte zudem ihre eigene Mutter, konnte später nur in Teilzeit wieder in ihren Beruf einsteigen. Unter dem Strich stehen nun eine Rente auf Sozialhilfe-Niveau und ein schonungsloses Fazit: "Es war hart: keine Extras, kein Urlaub, keine Gäste, keine Feste. Nur das Überleben war notdürftig gesichert", sagt Hische. Zum internationalen Tag zur Beseitigung der Armut an diesem Dienstag schlagen gleich mehrere Verbände Alarm. Denn Hisches Schicksal ist keines aus einer anderen Zeit. Noch immer haben Frauen in Deutschland ein hohes Armutsrisiko. Sie seien weiterhin deutlich stärker armutsgefährdet als Männer, warnt die nationale Armutskonferenz. Bei Männern in Deutschland betrage das Armutsrisiko 15,1 Prozent, bei Frauen hingegen 16,3 Prozent, sagte deren Sprecherin Barbara Eschen am Montag in Berlin. Die Armutskonferenz ist ein Bündnis von Gewerkschaften, Spitzenverbänden der Wohlfahrtspflege und Selbsthilfeorganisationen.

Was nach einem eigentlich nur kleinen Unterschied klingt, hat schwerwiegende Hintergründe. Frauen kümmerten sich um die Kinder, pflegten Angehörige, wirkten ehrenamtlich mit in der Kita oder der Schule, im Sport und in sozialen Initiativen. Sie brächten über die Hälfte mehr Zeit unentgeltlich in die Sorgearbeit ein als Männer. "Als Dank ernten sie schlechte Rückkehrchancen in den Beruf, prekäre Arbeitsverhältnisse und deutlich geringere Renten", sagte Eschen.

Im vergangenen Jahr hat die Durchschnittsrente einer Frau 617 Euro betragen, die eines Mannes lag dagegen bei 1 043 Euro. Wenn Frauen alleinerziehend sind - und neun von zehn Alleinerziehenden in Deutschland sind Frauen - entkommen sie der Armut nur schwer. Knapp 44 Prozent der Alleinerziehenden sind nach Angaben der Armutskonferenz von Armut betroffen.

Experten kritisieren, dass die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland auch wegen eines veralteten Familienbilds immer weiter auseinanderklafft. Die Sozialwissenschaftlerin Gisela Notz kritisierte, dass es in Deutschland kein Recht auf eigenständige Existenzsicherung für Frauen gebe. "Die Tatsache, dass Arbeitsmarkt-, Familien-, Wohnungsbau- und Sozialpolitik immer noch an einem Familienmodell orientiert sind, das einen Haupternährer und eine Zuverdienerin vorsieht, verdrängt Frauen aus dem regulären Arbeitsmarkt in prekäre oder unbezahlte Beschäftigungsverhältnisse."

Das Verbände-Bündnis fordert von der künftigen Bundesregierung deshalb einen gezielteren Schutz für Frauen vor Armut. Nötig seien etwa mehr Vollzeitjobs für Frauen und gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit. Berufe, in denen vorwiegend Frauen arbeiteten wie etwa im Einzelhandel oder im Sozial- und Gesundheitswesen, müssten zudem dringend finanziell aufgewertet werden. "Es kann nicht sein, dass Frauen 21 Prozent weniger als Männer verdienen", sagte die stellvertretende Konferenzsprecherin Sophie Schwab. Zudem dürfe die Betreuung von Kindern oder Pflegebedürftigen "nicht länger die Ursache dafür sein, in Armut zu geraten".

Vorschläge für Verbesserungen liegen längst auf dem Tisch

Was die Tag für Tag bedeutet? Almut Hische kennt die alltäglichen Einschränkungen. "Jeder Schritt aus dem Haus kostet Geld. Für Telefon, für Fahrtkosten. Da will jede Verabredung sorgfältig kalkuliert und geplant sein." Soziale Kontakte würden so schleichend weggespart. "Es wurde immer schwieriger, die Verarmung zu kaschieren: In den Elternrat gewählt, waren die obligatorischen Sammlungen für Blumensträuße für mich schon echte Opfer. Bei Sitzungen bestellten alle Wein, ich nur Wasser. Kleidung war sorgfältig zu pflegen, zu reparieren und geschickt auszuwählen: Eine fahrradtaugliche Regenjacke haben meine Tochter und ich uns geteilt."

Als von Armut bedroht gilt nach Einschätzung der Nationalen Armutskonferenz, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Für einen Single waren das zuletzt etwa 942 Euro monatlich. Insgesamt fielen hierzulande 15,7 Prozent der Deutschen unter die Armutsgrenze.

Vor allem für Alleinerziehende fordern die Verbände nun schnelle Verbesserungen. Es gehe um einen "angemessenen Familienlastenausgleich" im Steuer-, Sozial- und Familienrecht. Kindererziehung und Pflege dürften nicht länger die Ursache dafür sein, in Armut zu geraten. Das Ehegattensplitting müsse durch eine Individualbesteuerung mit einem übertragbaren Grundfreibetrag ersetzt und eine neue bedarfsdeckende einheitliche Geldleistung müsse für alle Kinder geschaffen werden, erklärt die Nationale Armutskonferenz.

Wie groß die Hoffnungen sind, dass die Vorschläge bei den anstehenden Sondierungsgesprächen von Union, FDP und Grünen für die Regierungsbildung Gehör finden? Deutliche Zeichen für einschneidende Veränderungen schon in nächster Zeit gebe es bislang nicht, heißt es aus den Verbänden.

© SZ vom 17.10.2017
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