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Mangelernährung:Warum Frauen öfter Hunger leiden als Männer

Eine Frau mit ihrem weinenden Kind in Afrika.

(Foto: Tobin Jones/AFP)

Zwei Milliarden Menschen leiden weltweit unter Mangelernährung - 70 Prozent von ihnen sind weiblich. Eine Studie nennt Gründe.

Bei 1,6 Milliarden Frauen auf der Welt kommt täglich das gleiche auf den Teller: Mais, Maniok-Wurzel oder Reis. Es macht sie gerade so satt - aber nicht lange. Und es fehlt in jeder Mahlzeit, was für ein gesundes Leben essenziell ist: Vitamine, Mineralstoffe und Proteine aus Gemüse, Obst und tierischen Nahrungsmitteln. Diese Mangelernährung heißt auch "stiller Hunger" und kann lebensbedrohlich sein. Weltweit leiden darunter zwei Milliarden Menschen. Etwa 70 Prozent, also die deutliche Mehrheit, sind Frauen und Mädchen. Besonders hoch ist ihr Anteil in Mittel- und Südafrika sowie in Südostasien.

Warum trifft Hunger vor allem Frauen? Dieser Frage geht das Hilfswerk "Brot für die Welt" in einer Studie nach, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Sie zeigt auf, dass der Grund für die Mangelernährung eine sogenannte "doppelte Diskriminierung" ist: einerseits als Frauen, andererseits als Kleinbäuerinnen.

Die Diskriminierung als Frau beginnt oft bereits in der Familie. In Indien beispielsweise wird Mädchen schon mit ihrer Geburt ein niedrigerer sozialer Status zugewiesen als Jungen. Das wirkt sich auch auf die Zuteilung der Nahrung aus. Die Mädchen müssen essen, was übrig bleibt, und das ist nicht nur weniger, sondern auch von minderer Qualität als das Essen der männlichen Familienmitglieder.

Die Diskriminierung als Kleinbäuerin gründet auf den schlechten Beschäftigungsverhältnissen vieler Frauen in Afrika und Südostasien. Zwar spielen sie in der Landwirtschaft eine zentrale Rolle und stellen mancherorts die Hälfte der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte, doch befanden sich laut der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) im Jahr 2011 mehr als die Hälfte aller beschäftigten Frauen in informellen Arbeitsverhältnissen.

Hinzu kommt, dass die Zahl der allein von Frauen geführten Haushalte aufgrund von Bürgerkriegen und Krankheiten wie Aids oder Malaria stetig steigt, die Besitzverhältnisse in den betroffenen Ländern aber weiterhin sehr ungleich geregelt sind. Weltweit befinden sich nach Angaben der UN-Landwirtschaftsorganisation (FAO) nur ein Fünftel der landwirtschaftlich genutzten Flächen im Besitz von Frauen. Nicht einmal zehn Prozent sind es in Nord-, West- und Zentralafrika sowie in Indonesien, Nepal und Bangladesch.

Wie begegnet man dem Problem der "doppelten Diskriminierung", das in vielen Regionen die Mangelernährung von Frauen bedingt? Erste Schritte gab es schon vor rund 20 Jahren: Seit der vierten UN-Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking gilt die Beseitigung der Diskriminierung von Frauen als eigenständiges Entwicklungsziel. Ein Jahr später, auf dem UN-Welternährungsgipfel in Rom, wurde dieses Ziel auch auf das "Recht auf Nahrung" übertragen. Zudem hat die UN-Vollversammlung in ihrer Agenda 2030 ein konkretes Ziel zur Beseitigung von Hunger verabschiedet. Im Wortlaut heißt es: "Bis 2030 soll kein Mensch auf der Erde mehr Hunger leiden." Noch sind sie davon weit entfernt - aktuell hungern auf der Welt immer noch 795 Millionen Menschen.

Erster Ansatzpunkt für mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern ist laut der Studie eine Umverteilung von Arbeit und Besitz in den betroffenen Ländern durch die Politik. In vielen afrikanischen Ländern gelten Frauen als nicht kreditwürdig, in einigen Gesellschaften ist ihnen der Besitz von Land sogar untersagt. Das kann sich nur durch politische Initiativen ändern. Auch das Recht auf menschenwürdige Arbeit und einen gerechten Lohn für Frauen muss gestärkt werden.

Experten fordern, Frauen mehr Land und mehr ökonomischen Einfluss zu geben

Da eine wirtschaftliche und zumal politisch forcierte Integration jedoch nicht zwangsläufig in eine Gleichstellung mündet, ist auch auf sozialer Ebene viel zu tun. Die Studie hat ergeben, dass in Ländern, in denen diskriminierende Gesetze bestehen, Töchter auch systematisch benachteiligt werden, was sich später von einer Generation auf die nächste überträgt. Zudem sind dort gesellschaftliche und kulturelle Geschlechterbilder historisch so gewachsen, dass sie sich nur schwer verändern lassen. Männer müssen darum stärker sensibilisiert werden, welche Ernährung Frauen brauchen, gerade wenn diese viel arbeiten oder schwanger sind. Auch die Gewalt gegen Frauen muss häufiger thematisiert werden, um einer Diskriminierung vorzubeugen, die häufig Mitursache für die Entstehung "stillen Hungers" ist.

Zudem muss es Frauen leichter gemacht werden, eigene Entscheidungen zu treffen. Sie sollten nicht nur über Land, sondern auch über die Ausgaben des Haushaltes verfügen dürfen. In ghanaischen Haushalten etwa wird doppelt so viel Geld für die Ernährung ausgegeben, wenn eine Frau die Finanzen kontrolliert, zeigt eine Studie der Weltbank. Diese hob an diesem Montag die Armutsgrenze an. Bislang galt als "extrem arm", wer am Tag weniger als 1,25 Dollar zum Leben zur Verfügung hatte. Nun zieht die Weltbank wegen gestiegener Lebenshaltungskosten in Entwicklungsländern die Grenze bei 1,90 Dollar.

Aber selbst wenn es nur wenige Dollar sind, über die eine Frau am Tag verfügen kann, ist laut der Studie davon auszugehen, dass dadurch nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität der Lebensmittel stiege - und der "stille Hunger" zurückginge.

© SZ vom 07.10.2015

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