Süddeutsche Zeitung

Arm im Alter:Wenn die Rente nicht zum Leben reicht

Das Risiko, im Alter arm zu sein, wird in den kommenden Jahren steigen. Die drastischen Warnungen vieler Politiker und Gewerkschafter sind aber ziemlich übertrieben.

Von Thomas Öchsner, Berlin

Das Risiko, im Alter arm zu sein, wird in den kommenden 20 Jahren weiter zunehmen. Das ist das Ergebnis einer Studie, die die Bertelsmann-Stiftung an diesem Montag vorstellen wird. Betroffen sind demnach vor allem alleinstehende Frauen, Menschen ohne Berufsausbildung, Langzeitarbeitslose sowie Zuwanderer. Besonders stark steigt das Armutsrisiko in Ostdeutschland an.

Die Berechnungen, die vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) gemacht wurden, legen aber auch folgenden Schluss nahe: Die drastischen Zahlen, mit denen manche Politiker und Gewerkschafter vor Altersarmut warnen, sind wohl völlig übertrieben. CSU-Chef Horst Seehofer hatte beispielsweise gesagt, "etwa die Hälfte der Bevölkerung" werde in der Sozialhilfe landen. Verdi-Chef Frank Bsirske warnte, dass die Altersarmut auf Millionen Menschen in Deutschland zukommen wird.

Die neue Studie gibt diesbezüglich Entwarnung. Dennoch zeigt sie, dass die Altersarmut sich weiterverbreiten wird, wenn keine Maßnahmen ergriffen werden. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten:

Gibt es in Deutschland bereits Altersarmut?

Im Dezember 2016 erhielten etwa 526  000 Menschen die Grundsicherung im Alter, sozusagen das Hartz IV für Senioren. Ihr Alterseinkommen ist so gering, dass sie auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Die Zahl dieser Grundsicherungsempfänger hat sich seit 2003 verdoppelt. Die Altersarmut steigt also bereits. Armut in der Altersgruppe 65 plus ist jedoch deutlich weniger verbreitet als in der Gesamtbevölkerung: 2015 waren mehr als acht Prozent aller Bürger in Deutschland auf die staatliche Grundsicherung angewiesen, bei 65-Jährigen und älteren waren es gut drei Prozent. Es gibt allerdings eine Dunkelziffer: Manche Rentner holen sich - aus Scham - kein Geld vom Sozialamt, obwohl ihnen die Grundsicherung zusteht. Diese belief sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes Ende 2016 auf durchschnittlich 786 Euro monatlich.

Warum wird die Altersarmut zulegen?

Nach der Jahrtausendwende einigten sich die Parteien auf einen Generationenausgleich: Die Rentenbeiträge für die Jüngeren sollen einigermaßen stabil bleiben, gleichzeitig wird das Rentenniveau gesenkt. So soll die Rentenversicherung stabil bleiben, obwohl künftig immer weniger junge Menschen immer mehr Alte finanzieren müssen. Durch die Senkung des Rentenniveaus werden die Löhne langfristig stärker steigen als die Altersbezüge.

Was sind die Ergebnisse der neuen Studie?

Die geburtenstarken Jahrgänge, die sogenannten Babyboomer, gehen von 2022 an in Rente. Die Autoren der Studie prognostizieren, dass bis zum Jahr 2036 sieben Prozent dieser Neurentner auf die staatliche Grundsicherung angewiesen sein werden. Das ist ein Anstieg von mehr als 25 Prozent im Vergleich zum aktuellen Wert. Auch das reine Risiko, in Altersarmut zu geraten, steigt: Jeder fünfte deutsche Neurentner wird künftig davon bedroht sein. 2015 galten noch 16 Prozent als armutsgefährdet. Als arm gelten laut einer in der EU gängigen Definition die Haushalte, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügen. 2015 musste ein Rentner mehr als 958 Euro netto verdienen, um über diese Schwelle zu kommen. Wer darunter fällt, gilt nicht automatisch als arm, sondern als von Armut bedroht.

Wie hoch wird der Anteil der Frauen sein, die von Altersarmut bedroht sind?

Altersarmut wird in Zukunft vor allem Frauen treffen. Mehr als jede vierte alleinstehende Neurentnerin wird bis 2036 auf Hilfe angewiesen sein. "Damit ist das Risiko zur Altersarmut bei alleinstehenden Frauen rund viermal so hoch wie im Durchschnitt", heißt es bei der Bertelsmann-Stiftung.

Welche Bevölkerungsgruppen müssen sich noch Sorgen machen?

Die Simulationsrechnungen von DIW und ZEW zeigen, dass mehr als jeder zehnte Ostdeutsche zwischen 2031 und 2036 Anspruch auf die Grundsicherung im Alter haben wird. Das Risiko, sich die staatliche Hilfe holen zu müssen, wird sich damit verdoppeln. Das hat vor allem zwei Gründe: Im Osten wurde meist weniger verdient als im Westen. Außerdem waren viele nach der Wende vorübergehend oder länger arbeitslos. Folglich zahlten sie weniger in die Rentenkasse ein und erwarben auch weniger Rentenansprüche. Deutlich steigen wird außerdem das Armutsrisiko bei Langzeitarbeitslosen, Niedrigqualifizierten und Migranten.

Hilft ein höheres Rentenniveau?

Was sagen die Forscher zu den Warnungen der Gewerkschaften?

Dazu äußern sie sich nicht direkt. In einer eigenen Analyse stellt die Bertelsmann-Stiftung aber fest: "Die Vernachlässigung von Einkommensquellen führt zu einer systemischen Überschätzung von Altersarmut." Als Beispiel wird eine vom Rundfunksender WDR im April 2016 verbreitete Meldung genannt. Darin hatte es geheißen, dass fast jedem zweiten Rentner von 2030 an die Altersarmut drohe. Die Deutsche Rentenversicherung (DRV) hatte diese Aussage schon damals als "nicht nachvollziehbar" bezeichnet und dem WDR vorgehalten, andere Einkommensquellen außerhalb der gesetzlichen Rente nicht zu berücksichtigen. Außerdem komme es auf den "Haushaltskontext" an, also ob ein Rentner allein lebe oder mit jemandem zusammen. "Die Höhe der gesetzlichen Rente allein kann also keine Auskunft über die Einkommenslage von Rentnerhaushalten geben", teilte die DRV damals mit.

Auf welche Rechnungen berufen sich die Gewerkschaften?

Verdi-Chef Bsirske hatte behauptet, die Hälfte der Arbeitnehmer müsse sich von 2030 an mit Renten um 800 Euro und weniger begnügen. Der Gewerkschaftschef begründete dies damit, dass jeder zweite Arbeitnehmer höchstens 2500 Euro brutto im Monat verdiene. Grundlage dieser Berechnungen ist ein Gutachten des Pestel-Instituts, das mit einem Rentenniveau von 43 Prozent rechnet. Demnach würde für einen Arbeitnehmer mit 2500 Euro brutto und 40 Beitragsjahren die ausgezahlte Rente von derzeit etwa 900 Euro auf 800 Euro im Jahr 2030 sinken. Auch der DGB rechnet vor: Eine Köchin mit einem Monatslohn von 2250 Euro werde durch den "Sinkflug des Rentenniveaus" beim Eintritt in den Ruhestand 2030 weniger Rente haben als 2017.

Was ist davon zu halten?

Der Finanzmathematiker und Rentenexperte Werner Siepe wirft Verdi-Chef Bsirske und dem DGB vor, "Horrorzahlen" und "Milchmädchenrechnungen" zu verbreiten, die nichts mit der Realität zu tun haben. Er weist darauf hin, dass diese Rechnungen weder betriebliche Zusatzrenten noch die üblichen Rentensteigerungen berücksichtigten. Tatsächlich dürfen die Renten gar nicht sinken, es gibt eine gesetzliche Rentengarantie. Schlimmstenfalls sind Nullrunden möglich wie von 2004 bis 2006. Dauer-Nullrunden über ein Jahrzehnt lang bis 2030 seien aber "absolut unwahrscheinlich", schreibt Siepe. Die Bundesregierung rechnet sogar damit, dass die Bezüge für die 20,8 Millionen Rentner bis 2030 um durchschnittlich gut zwei Prozent pro Jahr zulegen werden. Demnach würde sich das Altersgeld für den Standardrentner mit 45 Beitragsjahren, der Jahr für Jahr den Durchschnittsverdienst aller Versicherten erhalten hat, von derzeit 1370 Euro auf 1844 Euro brutto erhöhen.

Hilft ein höheres Rentenniveau gegen eine Verbreitung der Altersarmut?

Die Gewerkschaften wollen das Rentenniveau wieder auf mehr als 50 Prozent erhöhen. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) hat vorgeschlagen, das Rentenniveau langfristig bei 46 Prozent zu stabilisieren. Die Forscher von DIW und ZEW halten davon wenig. Den Risikogruppen wie Langzeitarbeitslosen sei damit nur wenig geholfen, heißt es in der Studie. "Die Stabilisierung des Rentenniveaus bei 46 Prozent zielt nicht direkt auf Haushalte an der Armuts- und Grundsicherungsschwelle ab, daher fallen die Wirkungen erwartungsgemäß klein aus", heißt es in ihrer Untersuchung. Skeptisch äußert sich auch die Bertelsmann-Stiftung: "Die meisten der aktuell diskutierten Vorschläge zur Weiterentwicklung des deutschen Rentenrechts versprechen somit nur wenig Aussicht darauf, dass sich am Trend einer steigenden Altersarmut in den kommenden Jahren grundlegend etwas ändern wird."

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