Arm im Alter:Hilft ein höheres Rentenniveau?

Was sagen die Forscher zu den Warnungen der Gewerkschaften?

Dazu äußern sie sich nicht direkt. In einer eigenen Analyse stellt die Bertelsmann-Stiftung aber fest: "Die Vernachlässigung von Einkommensquellen führt zu einer systemischen Überschätzung von Altersarmut." Als Beispiel wird eine vom Rundfunksender WDR im April 2016 verbreitete Meldung genannt. Darin hatte es geheißen, dass fast jedem zweiten Rentner von 2030 an die Altersarmut drohe. Die Deutsche Rentenversicherung (DRV) hatte diese Aussage schon damals als "nicht nachvollziehbar" bezeichnet und dem WDR vorgehalten, andere Einkommensquellen außerhalb der gesetzlichen Rente nicht zu berücksichtigen. Außerdem komme es auf den "Haushaltskontext" an, also ob ein Rentner allein lebe oder mit jemandem zusammen. "Die Höhe der gesetzlichen Rente allein kann also keine Auskunft über die Einkommenslage von Rentnerhaushalten geben", teilte die DRV damals mit.

Auf welche Rechnungen berufen sich die Gewerkschaften?

Verdi-Chef Bsirske hatte behauptet, die Hälfte der Arbeitnehmer müsse sich von 2030 an mit Renten um 800 Euro und weniger begnügen. Der Gewerkschaftschef begründete dies damit, dass jeder zweite Arbeitnehmer höchstens 2500 Euro brutto im Monat verdiene. Grundlage dieser Berechnungen ist ein Gutachten des Pestel-Instituts, das mit einem Rentenniveau von 43 Prozent rechnet. Demnach würde für einen Arbeitnehmer mit 2500 Euro brutto und 40 Beitragsjahren die ausgezahlte Rente von derzeit etwa 900 Euro auf 800 Euro im Jahr 2030 sinken. Auch der DGB rechnet vor: Eine Köchin mit einem Monatslohn von 2250 Euro werde durch den "Sinkflug des Rentenniveaus" beim Eintritt in den Ruhestand 2030 weniger Rente haben als 2017.

Was ist davon zu halten?

Der Finanzmathematiker und Rentenexperte Werner Siepe wirft Verdi-Chef Bsirske und dem DGB vor, "Horrorzahlen" und "Milchmädchenrechnungen" zu verbreiten, die nichts mit der Realität zu tun haben. Er weist darauf hin, dass diese Rechnungen weder betriebliche Zusatzrenten noch die üblichen Rentensteigerungen berücksichtigten. Tatsächlich dürfen die Renten gar nicht sinken, es gibt eine gesetzliche Rentengarantie. Schlimmstenfalls sind Nullrunden möglich wie von 2004 bis 2006. Dauer-Nullrunden über ein Jahrzehnt lang bis 2030 seien aber "absolut unwahrscheinlich", schreibt Siepe. Die Bundesregierung rechnet sogar damit, dass die Bezüge für die 20,8 Millionen Rentner bis 2030 um durchschnittlich gut zwei Prozent pro Jahr zulegen werden. Demnach würde sich das Altersgeld für den Standardrentner mit 45 Beitragsjahren, der Jahr für Jahr den Durchschnittsverdienst aller Versicherten erhalten hat, von derzeit 1370 Euro auf 1844 Euro brutto erhöhen.

Hilft ein höheres Rentenniveau gegen eine Verbreitung der Altersarmut?

Die Gewerkschaften wollen das Rentenniveau wieder auf mehr als 50 Prozent erhöhen. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) hat vorgeschlagen, das Rentenniveau langfristig bei 46 Prozent zu stabilisieren. Die Forscher von DIW und ZEW halten davon wenig. Den Risikogruppen wie Langzeitarbeitslosen sei damit nur wenig geholfen, heißt es in der Studie. "Die Stabilisierung des Rentenniveaus bei 46 Prozent zielt nicht direkt auf Haushalte an der Armuts- und Grundsicherungsschwelle ab, daher fallen die Wirkungen erwartungsgemäß klein aus", heißt es in ihrer Untersuchung. Skeptisch äußert sich auch die Bertelsmann-Stiftung: "Die meisten der aktuell diskutierten Vorschläge zur Weiterentwicklung des deutschen Rentenrechts versprechen somit nur wenig Aussicht darauf, dass sich am Trend einer steigenden Altersarmut in den kommenden Jahren grundlegend etwas ändern wird."

© SZ.de/jps
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