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Ariane:Start mit Hindernissen

Neue Ariane 6-Rakete

Die neue europäische Trägerrakete Ariane 6 soll im kommenden Jahr erstmals starten und das Vorgängermodell Ariane 5 ablösen. Inwiefern die Rakete zumindest in Deutschland weiter entwickelt wird, ist unklar.

(Foto: dpa)

Der Weg zur neuen europäischen Trägerrakete "Ariane 6" ist holprig. Der Augsburger Zulieferer MT Aerospace muss Stellen streichen. Der MT-Unternehmenschef warnt davor, dass Deutschland bei der Ariane abgehängt werden könnte.

Von Dieter Sürig

Jahrzehntelang funktionierte dieses Geschäftsmodell gut und bescherte MT Aerospace verlässliche Umsätze: Die Raumfahrtagentur Esa bestellte fünf, sechs Ariane-Trägerraketen pro Jahr, und die Augsburger fertigten 18 Monate vor dem Start die Tanks und andere Komponenten. Mit einem Arbeitsanteil von rund zehn Prozent ist MT einer der wichtigsten Zulieferer des Ariane-Programms. Etwa 110 Raketen entstanden nach diesem Muster, bald kommt das Nachfolgemodell Ariane 6, gerade bauen die MT-Mitarbeiter die letzten Tanks für die Ariane 5  zusammen.

Der Übergang zur Ariane 6 vollzieht sich aber nicht so glatt wie erhofft. MT-Chef Hans Steininger muss Anfang 2020 bis zu 80 von 500 Mitarbeitern der Ariane-Produktion entlassen, zumal die Arbeitszeit beim Ariane-6-Bau durch Automatisierung auf ein Drittel reduziert worden ist. Zudem sind Entwicklungsjobs gefährdet.

Ursprünglich war geplant, in Augsburg Komponenten für die Ariane 5 parallel zur anlaufenden Ariane-6-Produktion noch bis Ende 2021 zu bauen. Wegen eines Einbruchs am Markt geostationärer Satelliten und des Preisdrucks durch den US-Raketenbauer Space-X strich die Esa jedoch die letzten zehn Ariane-5-Raketen. Dies aus gutem Grund, wie Steininger sagt. "Diese industrielle Restrukturierung müssen wir machen", sagt er. "Ab Januar habe ich aber für 70 bis 80 Leute in der Produktion keine Arbeit mehr" - zwei Jahre früher als erwartet. Steininger fürchtet nun, dass demnächst auch weitere Zulieferer Stellen abbauen müssen.

Hinzu kommt, dass die geplante Verdoppelung der Jahresproduktion auf elf Ariane-6-Raketen wohl länger auf sich warten lässt. "In den nächsten fünf Jahren werden wohl höchstens sechs Raketen pro Jahr gebaut werden", sagt der MT-Chef. Bisher war die Rede von drei Jahren Übergangsphase. Nun fällt weniger Arbeit an, die Hälfte der neuen effizienteren Produktionshallen in Augsburg und Bremen stehen leer.

Steininger war zudem davon ausgegangen, die etwa 80 Ariane-6-Ingenieure weiter beschäftigen zu können, da die Rakete ja ständig weiter entwickelt werden müsse. So wird in Augsburg eine leichte Kohlefaser-Oberstufe (CFK) konzipiert, die ab 2025/27 gebaut werden soll. Damit könnte die Rakete mehr Nutzlasten transportieren. 50 Millionen Euro hat die Esa bereits investiert, nun geht es darum, diese Oberstufe serienreif zu machen. "Wir benötigen etwa 50 bis 70 Millionen Euro pro Jahr", so Steininger. Letztlich könne ein Esa-Auftrag für die CFK-Oberstufe wieder zusätzliche Arbeitsplätze in Augsburg schaffen.

Dies hängt aber damit zusammen, wie die Esa-Ministerratskonferenz im November entscheidet, sprich: wie hoch auch der deutsche Anteil am Esa-Budget der nächsten Jahre und damit die Höhe deutscher Arbeitsanteile sein wird. 2019 steuerte der Bund 927 Millionen Euro zum Esa-Topf bei. Für 2020 laufen laut Bundeswirtschaftsministerium noch die Haushaltsverhandlungen.

Steininger warnt davor, die deutsche Ariane-Kompetenz wegen kurzfristiger Sparmaßnahmen aufs Spiel zu setzen. "Es gibt ein Interesse, Arbeitsanteile nach Frankreich oder Italien zu ziehen". Deutschland drohe abgehängt zu werden: "Wenn man nicht von Anfang an in der Entwicklung dabei ist, ist man die nächsten 20 Jahre auch nicht in der Produktion dabei."

Überhaupt werde bei der Ariane-Entwicklung zu langsam agiert - trotz des Drucks von Space-X. "Die Ariane 6 ist leider bereits heute zu teuer." Angesichts des neuen Space-X-Angebots von preisgünstigen monatlichen Mitflügen für kleinere Satelliten wünscht er sich mehr Mut: "Man ist leider in Europa nicht in der Lage, hier auch mal Visionen zu generieren, um der Marketingstory von Space-X irgendwas entgegen zu setzen".

© SZ vom 18.10.2019
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