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Arbeit:Im Schlaraffenland der Berufstätigen

Bremen überschreitet Corona-Inzidenzwert von 50

Freiberufliche Musiker prägen das Bremer Stadtbild.

(Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa)

Einer Umfrage zufolge leben in Bremen die glücklichsten Beschäftigten Deutschlands. Aber warum?

Von Bernd Kramer, Hamburg

In jungen Jahren träumt der Mensch vielleicht davon, eines Tages als Astronaut zu arbeiten. Oder als Bundeskanzlerin. Oder als Teilnehmer im Sommerhaus der Stars. Mit fortschreitender Zeit passen sich die Träume aber in der Regel den Möglichkeiten an, die auf dem Stellenmarkt verfügbar ist. Bundeskanzlerin ist schon vergeben, als Astronaut hätte man in der Schwerelosigkeit eine eher unzuverlässige Work-Life-Balance, und das Reality-TV ist nüchtern betrachtet auch eine wenig glamouröse Betätigung. Aber entscheidend ist wohl nicht, was man arbeitet, sondern wo: Das größtmögliche berufliche Glück auf Erden findet der Mensch in Bremen.

Bremen, bundesweit bekannt aus dem Länderfinanzausgleich, zwölf Kilometer Luftlinie von Delmenhorst, graue Winter, kühle Sommer, 138 Regentage im Jahr und überall riecht es nach Fisch. Doch in den Büros und Fabriken soll immerfort die Sonne strahlen, in den Kaffeeküchen Milch und Honig fließen. Die Jobbörse Indeed überraschte dieser Tage jedenfalls mit der Mitteilung, "die glücklichsten Erwerbstätigen in Deutschland" arbeiteten "in Bremen". Dies habe eine Befragung durch das Meinungsforschungsinstitut Yougov ergeben, in der Beschäftigte bundesweit auf einer Skala von null bis zehn ihre Arbeitszufriedenheit angeben durften. Die Bremer landeten bei der Umfrage bei einem Spitzenwert von 7,79.

Bloß warum sind sie so überaus glücklich im Norden? Nachfrage bei der Arbeitnehmerkammer Bremen. Dort zeigt man sich erstaunt von der Nachricht, der Kammerbezirk falle zusammen mit Deutschlands Arbeitnehmerschlaraffenbundesland. Aber Jubelanrufe seien bislang nicht im nennenswerten Umfang eingegangen. Im Gegenteil. "Die Beratungsfälle nehmen zu", sagt die Sprecherin, "auch weil es hier immer weniger Unternehmen gibt, die einen Tarifvertrag haben, mit dem Arbeitszeiten oder Gehälter klar geregelt wären." Mehr als 100 000 Beratungen hatte man im Jahr 2020 - bei gut 400 000 Beschäftigten. Vor allem die Fragen zu Kündigungsfällen hätten sich zuletzt gehäuft. Das klingt nun wirklich nicht nach Paradies.

Die Arbeitnehmerkammer ist ein Bremer Spezifikum. Sie wurde in den Grundzügen bereits 1921 per Bürgerschaftsbeschluss gegründet, als Gegengewicht zu den Kammern der Händler, Handwerker und Industriellen. Nun ließe sich vermuten, dass das relative Glück der Bremer Beschäftigten auf der Tatsache beruht, zumindest im Unglücksfall einen Beistand zu haben, den es in anderen Bundesländern nicht gibt. Die Sprecherin, mit dieser Überlegung konfrontiert, lässt allerdings, hanseatisches Understatement, diese Überlegung nicht gelten. "Das wäre ja schön", sagt sie, aber ihr erschiene das wohl etwas spekulativ.

Archivrecherchen bringen zudem Verwirrendes zu Tage. Die Jobbewertungsplattform Kununu teilte vor rund drei Jahren mit, dass gemäß der dort hinterlassenen Einträge Berlin den höchsten "Happiness Score" aufweise, Bremen rangiert dagegen auf dem sechsten Platz. Eine andere Erhebung kam zu dem Ergebnis, dass die Menschen, befragt danach, was sie denn denken, wo die Beschäftigten am glücklichsten sind, nicht etwa auf Bremen tippen, auch nicht auf Berlin, sondern auf Bayern - während das Arbeitsglück dieser Umfrage zufolge in Wahrheit noch mal ganz woanders zu Hause ist, in Niedersachsen nämlich. Sehr seltsam. Liegt vielleicht an den Delmenhorstern, die zur Arbeit nach Bremen pendeln, aber in Delmenhorst an der Umfrage teilnahmen und ihre Zufriedenheit so ins niedersächsische Ergebnis importierten. Andere Erklärungen wären schwer vorstellbar.

Denn an der aktuellen Umfrage sollte es im Konzert der Bundesländervergleiche nicht den geringsten Zweifel geben. Der Befund über das Arbeitsglück der Wesermetropole beruht, so ergab es schließlich eine knallharte Rückfrage der SZ bei den Studienmachern, auf einem breiten Querschnitt durch die Bremer Beschäftigtenstruktur. Befragt wurden 18 Berufstätige.

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