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Arbeitswelt:Ausgerechnet die Telekom führte strengere Regeln ein

Längst geht es aber auch nicht mehr nur um ein Plus an Freiheit in der Freizeit. Es geht auch ums Geschäft. Denn hinter der Weltmarke Birkenstock steckt zwar ein großer deutscher Mittelständler, dessen Ressourcen aber auch nicht unbegrenzt sind. Reichert bekommt nicht für alle Entscheidungen und jedes Treffen eine perfekt ausgearbeitete Vorlage. Seine Mitarbeiter können und sollen nicht alles für ihn erledigen. Die Arbeit muss er schon selber machen. Deswegen ist er ja so viel unterwegs, um ständig im Kontakt mit den Märkten und den Kunden zu sein und um so die besten Entscheidungen zu treffen. Das ist ihm wichtig, das hat alleroberste Priorität.

Das Smartphone aber hält ihn genau davon eher ab, als dass es ihm dabei nutzt. Wer immer und für alle ansprechbar sein will, für den kann das Smartphone auch zum Fluch werden. Am Ende sind es zu viele Mails, zu viele Nachrichten, eine nicht mehr überschaubare Flut unwichtiger Informationen.

Deswegen will Reichert die Uhr auf null stellen. Wann das soweit ist bei ihm, steht noch nicht fest. Aber er wird es tun. Birkenstock plant bereits, dann die Organisation entsprechend darauf einzustellen.

Vorbilder dafür, wie man mit der digitalen Kommunikation in einem Unternehmen umgehen kann - oder besser: wie man sie sinnvoll einschränken kann - gibt es bereits. Ausgerechnet die Telekom, Europas größtes Telekommunikationsunternehmen, war hier für Deutschland so etwas wie der Vorreiter. Der Vorstand des Konzerns hatte bemerkt, dass leitende Angestellte auch am Wochenende oft E-Mails schrieben und damit eine ganze Kaskade von weiteren Nachrichten hervorriefen.

"Der Abteilungsleiter fragte dann bei seinen Stellvertretern nach und die wiederum bei ihren Mitarbeitern", sagt Peter Kespohl von der Telekom. "Nach kurzer Zeit kamen so mal schnell zehn, fünfzehn Mails zusammen". Die Telekom reagierte mit einer freiwilligen Selbstverpflichtung, in der Führungskräfte ihren Mitarbeitern signalisieren können, dass sie keine Antwort auf E-Mails in der arbeitsfreien Zeit erwarten. Wie stark das Angebot angenommen wird, darüber gibt es bei der Telekom keine Untersuchungen.

Längst aber gibt es ähnliche Regelungen auch in anderen Konzernen. Bei BMW ist in der Betriebsvereinbarung ein Recht auf Unerreichbarkeit festgeschrieben, Daimler-Angestellte können Mails bei Abwesenheit automatisch löschen lassen und Volkswagen geht sogar noch weiter: Außerhalb der Kernarbeitszeiten werden die Server für Mails einfach abgeschaltet. Unter der Woche können Tarifbeschäftigte auf ihren Dienst-Smartphones darum zwischen 18.15 Uhr und 7 Uhr keine Mails empfangen oder versenden. Gleiches gilt am Wochenende, von Freitagabend bis Montagfrüh.

"Es hätte ja auch so jeder Beschäftigte die Möglichkeit, den Arbeitslaptop im Büro zu lassen oder das Diensthandy nach Feierabend auszuschalten", sagt ein Sprecher des Konzernbetriebsrats. "Aber nicht jeder macht das, und wenn dann am Feierabend oder am Wochenende eine Mail vom Vorgesetzten oder dem Kollegen kommt, kann das Erwartungsdruck auslösen." Den will man den Angestellten nehmen, darum das rigorose Blockieren der Server.

Auch ohne Smartphone bleibt der Manager erreichbar

"Die Mehrheit der Rückmeldungen zu dem Thema ist durchweg positiv", sagt der bei Volkswagen zuständige Koordinator im Gesamtbetriebsrat, Heinz-Joachim Thust. Unternehmerisch mag Volkswagen zwar gerade in der Krise stecken, das liegt aber sicher nicht an E-Mails, die nicht schnell genug gelesen wurden, zumal leitende Angestellte von der Regelung sowieso ausgeschlossen sind.

Ohnehin fällt auf, dass zwar in immer mehr Unternehmen die Über-Kommunikation und ständige Erreichbarkeit durch Smartphones zum Thema wird, die Diskussion aber meistens dann endet, wenn es um die Führungsetage geht. Zum Klischee vom Manager gehört eben immer noch das Smartphone und dabei spielt es keine Rolle, ob das Gerät bei der Arbeit hilft oder doch eher stört.

Dabei ist es nicht so, dass Birkenstock-Chef Oliver Reichert ohne Smartphone nicht mehr erreichbar wäre. Im Gegenteil. Man wird ihn auch weiterhin anrufen können, und das rund um die Uhr, wie das bei einem Topmanager so ist. Der Abschied vom Smartphone aber soll dabei helfen, Unwichtiges vom Wichtigen zu trennen. Dass das funktioniert, weiß Reichert aus eigener Erfahrung: "Wenn ich im Urlaub bin, halte ich mich schon ziemlich strikt daran, nicht ständig auf das Smartphone zu schauen", sagt er. "Aber wenn der vorbei ist, ist man wieder in der Hölle".

© SZ vom 25.08.2018/vd
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