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Arbeitsstandards:Mühsamer Prozess

Beim Einsturz einer Nähfabrik in Bangladesch starben vor sechs Jahren mehr als 1000 Menschen. Die Textilbranche hat sich seitdem verändert, aber gegen echte Verbesserungen gibt es Widerstand.

1136 Menschen tot, mehr als 2000 verletzt: Der Einsturz des Rana Plaza, eines achtstöckigen Betonklotzes in Sabhar, einige Kilometer nördlich von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka, war eine Zäsur für die weltweite Textilindustrie. Denn die Toten und Verletzten des eingestürzten Fabrikkomplexes waren vor allem Näherinnen, die Kleidung für westliche Modeketten und Bekleidungskonzerne fertigten. Sechs Jahre ist das nun her.

Angesichts des enormen öffentlichen Drucks auf Firmen schien damals der Zeitpunkt gekommen, die Verhältnisse zu verändern. Es entstanden mehrere Initiativen und das Thema kam auch international auf die politische Tagesordnung. Noch immer aber ist die Frage nach der Verantwortung von Unternehmen und Verbrauchern aus den Industrieländern für die Zustände in den Textilfabriken der Entwicklungsländer ungelöst. Und es bleibt die Erkenntnis, wie mühsam Fortschritte sind.

So hatte schon vor dem Unglück im Rana Plaza die Kampagne für saubere Kleidung auf Gefahren durch mangelnde Gebäudestatik und Feuerschutz in Nähfabriken hingewiesen. Aber ihr Vorhaben scheiterte, Mode- oder Handelsunternehmen dafür zu gewinnen, solche Missstände bei den Lieferanten abzustellen. Wenige Wochen nach der Katastrophe unterschrieben dann 220 vor allem europäische Textilfirmen den Bangladesh Accord on Fire and Building Safety und übernahmen die Finanzierung der Inspektoren. Firmen aus den USA gründeten ebenfalls eine Allianz für Arbeitssicherheit und die Regierung von Bangladesch erstellte gemeinsam mit der Internationalen Arbeitsorganisation einen Maßnahmenplan. Alle für den Export nähenden Textilfabriken wurden durch die beiden Initiativen und die Behörden inspiziert - insgesamt mehr 3600. Allein der Accord fand in mehr als 1100 Fabriken über 80 000 Sicherheitsmängel. Als wirksam erwies sich auch eine unabhängige Beschwerdestelle für Beschäftigte.

Eigentlich sollte der Accord seine unbequeme Arbeit in Bangladesch bis 2021 fortsetzen. Dann aber rief die Regierung das Oberste Gericht des Landes an und dieses beschloss das Aus des Programms bis Ende November 2018. Fabrikbesitzer, von denen einige im Parlament vertreten sind, und der Verband der Textilunternehmer hatten auf ein Ende des Programms gedrängt. Bangladesch ist extrem abhängig von der Textilbranche, die mehr als 80 Prozent der Exporte ausmacht. Die Beseitigung der Mängel in einer Fabrik kostet im Schnitt aber etwa 250 000 Dollar - und wer die Mängel nicht beseitigt, verliert schnell seinen Auftraggeber.

Grüner Knopf

Wer als Verbraucher ökologisch und sozial hergestellte Textilien kaufen will, soll sich bald einfacher orientieren können. Das ist die Idee des "Grünen Knopfs". Bereits im Herbst könnten die ersten Textilien mit dem staatlichen Siegels im Laden hängen. Anders als beim staatlichen Biosiegel handelt es sich beim Grünen Knopf aber nicht um eine völlig eigenständige Kennzeichnung, sondern um einen Zusatz für Textilien, die bereits bestimmte soziale und ökologische Mindeststandards erfüllen. In Betracht kommen laut dem Konzept des Entwicklungsministeriums Textilien, die Siegel wie Gots, Naturtextil, Oeko-Tex, Fair Wear Foundation, Fairtrade Textilstandard, Blauer Engel oder Bludesgin tragen. Noch ist unklar, ob ein Siegel oder Zertifikat ausreicht oder mehrere kombiniert werden müssen. Unternehmen können auch eigene Siegel anerkennen lassen. Sie müssen nachweisen, dass sie potenzielle Risiken und tatsächliche Auswirkungen ihres Geschäfts auf Menschenrechte und Umwelt kennen und bei Risiken Abhilfe schaffen. Der Verbraucherzentrale Bundesverband sieht "großes Potenzial" im Grünen Knopf: Er könne Verbrauchern die Orientierung beim Einkauf nachhaltig produzierter Kleidung erleichtern. Trotzdem halten die Verbraucherschützer es für unwahrscheinlich, dass dadurch das "unübersichtliche Label-Dickicht gelichtet" und es damit für Verbraucher generell einfacher wird, zwischen reinen Werbeaussagen und vertrauenswürdigen Produktinformationen zu unterscheiden. "Um gegen Greenwashing und Socialwashing vorzugehen, bedarf es weiterer regulatorischer Maßnahmen", schreibt der Verbraucherzentrale Bundesverband in seiner Stellungnahme zum Grünen Knopf. Eine umfassende Bewertung könne erst nach Abschluss der Pilotphase Ende 2020 erfolgen. Caspar Dohmen

Weil sich die Organisatoren des Accord gegen die Entscheidung wehrten, setzten die Richter die Anordnung mehrfach aus, zuletzt bis Mai 2019. Solange können die Prüfer nun ihre Arbeit fortsetzen. Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hält das auch für notwendig. Die Regierung in Dhaka sei noch nicht so weit, dass sie Grundstandards etwa bei Arbeits- und Brandschutz "selber garantieren kann". Es fehlten geeignete Institutionen und Mitarbeiter, bemängeln auch andere Experten. Anfangs wollten etwa Gewerkschaften die Idee des Accord auf andere Länder übertragen. Davon ist aber mittlerweile keine Rede mehr.

So gab es zwar Fortschritte bei Gebäudesicherheit und Feuerschutz in Bangladesch, in anderen Bereichen tat sich aber wenig, etwa bei der Bezahlung. Zwar hat die Regierung in Dhaka im vergangenen Dezember erstmals seit fünf Jahren den Mindestlohn erhöht, sogar verdoppelt. Ein ungelernter Arbeiter verdient nun 8000 Taka monatlich, umgerechnet etwa 85 Euro. Nichtregierungsorganisationen hielten aber mindestens das Doppelte für nötig, damit Arbeitende und ihre Familien ein menschenwürdiges Leben führen können.

Ein Jahr nach dem Unglück initiierte Entwicklungsminister Müller zudem das Textilbündnis, um weitergehende Reformen zu erreichen. Mittlerweile sieht er beim Thema Lieferketten die Textilwirtschaft hierzulande als Vorreiter: "Keine andere international in Lieferketten fertigende Branche kam soweit wie die Textilwirtschaft", sagt er. Allerdings haben Dutzende Unternehmen das Bündnis wieder verlassen, gemessen am Umsatz deckt es nur die Hälfte des deutschen Marktes ab. "Die andere Hälfte unterwirft sich dieser freiwilligen Verbindlichkeit nicht und deswegen sind die Forderungen, die jetzt aus der Branche kommen, eine gesetzliche Regelung vorzunehmen, legitim", sagt Müller. Dafür haben sich etwa Ketten wie Tchibo oder Kik ausgesprochen.

Ungelernte verdienen in Bangladeschs Textilfabriken 8000 Taka monatlich, etwa 85 Euro.

(Foto: Munir UZ ZAMAN / AFP)

Andere europäische Länder haben bereits Schritte für mehr Verantwortung von Unternehmern für die Lieferkette gemacht, etwa England, Frankreich und zuletzt Belgien. Hinkt Deutschland also bei der Verbindlichkeit hinterher? "Ja, eindeutig", sagt Müller. Dabei müssen sich die hiesigen Firmen seiner Ansicht nach nicht verstecken, rangieren sie doch gemessen an ihren Standards für Unternehmensverantwortung unter den drei besten in der EU.

Ob auch in Deutschland ein Gesetz für Lieferkettenverantwortung kommt, hängt vom weiteren Verlauf beim sogenannten Nationalen Aktionsplan für Unternehmen und Menschenrechte ab, der für die gesamte Wirtschaft gilt. Bei der Umsetzung der Kriterien der Vereinten Nationen hat sich die Bundesregierung 2016 für einen freiwilligen Ansatz entschieden. Aber die große Koalition hat sich vorbehalten nach einem zweijährigen Prozess verbindliche Maßnahmen zu beschließen, wenn weniger als die Hälfte der in Deutschland ansässigen Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten die "Kernelemente menschenrechtlicher Sorgfaltspflicht in ihre Unternehmensprozesse integriert haben". Streit gab es aber zuletzt in der Bundesregierung darüber, ab wann ein Unternehmen diesen Sorgfaltspflichten nachkommt.

Einen Gesetzesvorschlag hat das Entwicklungshilfeministerium bereits ausgearbeitet. Es will die Dokumentations- und Berichtspflichten spezifizieren, Kontrollinstanzen wie etwa Gewerbeaufsichtsämter benennen und Sanktionen vorsehen. Der Minister widerspricht Kritik aus der Wirtschaft gegen ein solches Gesetz: "Wir überziehen nichts, wir machen auch keinen Mittelständler damit kaputt." Haften würden Unternehmen nur für Schäden, die für sie vorhersehbar und mit angemessenen Aufwand vermeidbar wären. Von einem "klasse Gesetzentwurf", spricht der Grünen-Bundestagsabgeordnete und Entwicklungspolitiker Uwe Kekeritz, ein scharfer Kritiker des Textilbündnisses: "Dort ist wenig passiert."

Manchen Akteuren hatten die Initiative verlassen, weil sie ihnen zu lasch ist; andere, weil sie ihnen zu ambitioniert ist. Die verbleibenden Unternehmen haben insgesamt rund 1300 einzelne Maßnahmen festgelegt, etwa zum Risikomanagement, zum Umgang mit Beschwerden, zu existenzsichernden Löhnen oder der Vermeidung gesundheitsschädlicher Chemikalien. Künftig müssen alle Unternehmen über Fortschritte in diesen Bereichen berichten. Gerade unter den zivilgesellschaftlichen Beteiligten ist aber immer wieder umstritten, ob sie das Bündnis weiter mittragen sollen. Kritiker stört etwa, dass es beim Thema existenzsichernder Löhne kaum Fortschritte gibt.

Mit dem "grünen Knopf" soll Verbrauchern zudem künftig die Orientierung erleichtert werden, die faire und ökologische Kleidung kaufen wollen. Das Siegel sollen Unternehmen bei einer unabhängigen Stelle beantragen können. Die Erwartung von Minister Müller ist hoch: "Es werden sich jetzt Champions herausbilden, die den grünen Knopf als Markensiegel beantragen." Bislang achtet der Großteil der Verbraucher bei Shoppen aber nicht auf menschenwürdige Arbeitsbedingungen.