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Arbeitsmarkt:Vollbeschäftigung ja, aber ...

Wirtschaftsminister Brüderle ist kein liberaler Schönredner, Vollbeschäftigung ist in naher Zukunft möglich. Doch damit das kein Hirngespinst bleibt, muss dem deutschen "Jobwunder" ein Wunderwerk an Reformen folgen.

Es ist ein großes Wort, das Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle diese Woche aussprach: In Deutschland könnte es bald Vollbeschäftigung geben. Für jeden Jobsuchenden würde dann zumindest theoretisch eine Stelle zur Verfügung stehen, auch wenn die Arbeitslosenquote nicht bei null Prozent liegt. Im Moment ist das eine schöne Utopie. Die neuen Erwerbslosenzahlen vom Juli zeigen, dass Deutschland mit knapp 3,2 Millionen Arbeitslosen davon noch ein gutes Stück entfernt ist. Dennoch ist Brüderle kein liberaler Schönredner. Vollbeschäftigung ist in naher Zukunft möglich. Damit das kein Hirngespinst bleibt, muss dem deutschen "Jobwunder" aber ein Wunderwerk an Reformen folgen.

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Die Zahl der Arbeitslosen erreicht fast die Drei-Millionen-Marke. Wirtschaftsminister Brüderle spricht schon von "Vollbeschäftigung", die Deutschland bald erreichen könnte.

(Foto: ddp)

Noch liegt vieles im Argen. Darüber täuschen die seit Monaten positiven Nachrichten vom Arbeitsmarkt hinweg. Rechnet man die in der Statistik nicht berücksichtigten Arbeitslosen hinzu, also diejenigen, die sich zum Beispiel weiterbilden, qualifizieren oder einen Ein-Euro-Job haben, sind immer noch gut 4,3 Millionen Menschen ohne Stelle. Die Arbeitslosenquote, die ohne diese versteckten Erwerbslosen errechnet wird, liegt bei 7,6 Prozent. Vollbeschäftigung ist nach der gängigen Definition von Wirtschaftsforschern dagegen erst bei einer Quote von 4,0 Prozent erreicht. Dieser Graben muss viel kleiner werden. Sonst wird es einen akuten Mangel an Fachkräften und zugleich viele unqualifizierte Arbeitslose geben.

Fachkräfte werden fehlen

Die Folgen des Geburtenrückgangs sind nicht zu unterschätzen: Selbst wenn es Deutschland gelingen würde, 100 Prozent der jungen Leute zu qualifizieren, die in den nächsten Jahren in den Arbeitsmarkt eintreten werden, reicht dies nicht aus. Die Zahl der Fachkräfte, die in dieser Zeit in den Ruhestand gehen, ist noch größer. Das zeigt schon die Dimension des Problems. Bereits 2015 könnte es einen Kampf um Ingenieure, Naturwissenschaftler, Erzieher, Lehrer oder Pflegekräfte in noch nie gekannter Form geben. Millionen Bewerber werden fehlen, wenn es Schulen, Betriebe und Politiker nicht schaffen, mehr junge Menschen so ausbildungsreif zu machen, dass sie im Berufsleben erfolgreich sind.

Die zweite große Herausforderung ist der Niedriglohnsektor. Die Juli-Statistik des Arbeitsmarkts bestätigt erneut einen gefährlichen Trend: Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten wächst wieder, doch das Gesicht der Arbeit verändert sich. Die gut bezahlten Jobs in der Industrie schwinden, schlecht bezahlte in der Dienstleistungsbranche nehmen zu. Mehr als zwei Millionen Arbeitnehmer verdienen bereits weniger als sechs Euro brutto die Stunde. Gleichzeitig breitet sich die Leiharbeit in rasendem Tempo aus. Jede dritte neue Stelle, die Unternehmen besetzen wollen, ist für Leiharbeiter gedacht.

Grenzen für Leiharbeit

Um den Arbeitsmarkt für die Zukunft zu rüsten und die Trennung der Beschäftigten in zwei Klassen zu stoppen, ist ein Mix von Reformen nötig. Dieser beginnt beim Ausbau von Kindertagesstätten und Ganztagsschulen. Die Koalition muss die Betreuung Langzeitarbeitsloser effektiver und für Hartz-IV- Empfänger die Annahme eines Vollzeitjobs attraktiver machen. Neue Arbeitsplätze könnten auch durch Kombilohnmodelle entstehen, bei denen der Staat einen Teil des Lohns zahlt. Dies funktioniert jedoch nur mit einem flächendeckenden Mindestlohn. Sonst besteht für die Unternehmen der Anreiz, Niedrigstlöhne zu zahlen, weil der Staat ja aufstockt. Außerdem ist die Leiharbeit gesetzlich so zu begrenzen, dass Betriebe nicht systematisch Stammbelegschaften durch Leiharbeiter ersetzen können.

Die Bundesregierung erweckt derzeit nicht den Eindruck, fähig und willens zu sein, solche Reformen durchzusetzen. Stattdessen plant sie, Milliarden in der Arbeitsmarktpolitik einzusparen. Das aber könnte dazu führen, dass Arbeitsagenturen und Jobcenter weniger Menschen eine Stelle vermitteln können, weil bestimmte Hilfen unterbleiben. Und das kann eigentlich niemand wollen.

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