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Arbeitsmarkt:Rentner sucht Job

In Deutschland arbeiten doppelt so viele Ältere wie noch vor zehn Jahren. Viele brauchen zusätzliche Einkünfte, andere wollen Sinnvolles tun. Aber die Zahlen zeigen noch mehr.

Ältere Arbeitnehmer

Graubereich: Kaum ein tarifgebundener Betrieb zahlt wirklich den Tariflohn, sagt ein Malermeister. Sind Tarifverhandlungen nur Makulatur?

(Foto: Jan Woitas/dpa)

"Sie suchen erfahrene, zuverlässige, kreative, geduldige und unkomplizierte Hilfe bei der Gartenarbeit, bei der Steuererklärung oder sonstigen Aufgaben? Hier finden Sie, wen Sie brauchen." So wirbt das Internetportal "Rent a Rentner" ("Miete einen Rentner"), um zusammenzubringen, was zusammengehört: Arbeitgeber, die Jobs zu vergeben haben, und ältere Menschen, die sich im Ruhestand zum Beispiel als Handwerker, Babysitter, Fahrer oder Telefonberater zusätzlich etwas verdienen wollen.

Der Markt wird immer größer. Die Zahl der Älteren, die noch berufstätig sind, steigt seit Jahren. Dies belegen nun auch neue Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Demnach arbeiten in Deutschland doppelt so viele Ältere wie noch vor zehn Jahren. 2016 waren bereits elf Prozent zwischen 65 und 74 Jahren erwerbstätig. Insgesamt zählten die Wiesbadener Statistiker 942 000 Männer und Frauen in diesem Alter, die mindestens eine Stunde pro Woche für Geld arbeiten, egal ob als Minijobber, Selbständige oder ehrenamtlich Tätige mit einer Vergütung. Vor zehn Jahren lag der Anteil mit fünf Prozent nicht einmal halb so hoch.

In Wirklichkeit dürfte für deutlich mehr Menschen im Alter von 65 Jahren noch nicht Schluss sein. Die Zahlen der Behörde, die auf der größten deutschen Haushaltsstichprobe (Mikrozensus) beruhen, sind vermutlich untertrieben. Darauf deuten die Statistiken der Bundesagentur für Arbeit (BA) und des europäischen Statistikamtes Eurostat hin.

Nach Angaben der Arbeitsagentur hatten Ende 2016 allein etwa 800 000 zwischen 65 und 74 Jahren einen Minijob. Hinzu kommen etwa 240 000 mit einer normalen sozialabgabenpflichtigen Arbeit und sowie 350 000 Selbständige, jeweils in dieser Altersklasse. Das wären dann schon knapp 1,4 Millionen Arbeitende zwischen 65 und 74 Jahren, und bei allen drei Gruppen wurden es in den vergangenen fünf Jahren deutlich mehr.

Aber woher kommt der Beschäftigungsboom unter den Ruheständlern?

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) sagt: "Ältere Beschäftigte werden nicht mehr als altes Eisen aussortiert, sondern als alte Hasen geschätzt." Tatsächlich gehört der Jugendwahn in vielen Betrieben der Vergangenheit an. Vorbei auch die Zeiten, als der Staat und besonders große Unternehmen 55- bis 64-Jährige systematisch in Richtung Vorruhestand gedrängt und gelockt haben. Stattdessen suchen sie nun nach Fachkräften. Viele Betriebe haben Wissen und Erfahrung der Älteren schätzen gelernt, auch wenn sie sich bei der Neueinstellung von über 50-Jährigen nach wie vor zurückhalten.

So fand das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gerade erst heraus, dass bereits jeder dritte Betrieb versucht, Mitarbeiter, bei denen die Rente fällig ist, weiter im Unternehmen zu beschäftigen. Dafür bieten sie meist ein paar Annehmlichkeiten wie kürzere und flexiblere Arbeitszeiten oder sogar eine höhere Entlohnung - mehr als 80 Prozent der Arbeitnehmer nahmen das Angebot dem IAB zufolge an. Dies erklärt aber noch nicht, warum so viele im Rentenalter noch Geld verdienen wollen.

Gründe gibt es dafür einige: Die Rente mit 67 wird bis 2031 schrittweise eingeführt. In diesem Jahr liegt das normale Regelalter für den Eintritt in die Rente bereits bei 65 Jahren und sechs Monaten. Die Lebenserwartung steigt, das lässt mehr Zeit zum Arbeiten. Viele heute 70-Jährige fühlen sich gesünder als ihre Großeltern mit 50 und sind es tatsächlich auch. "Ältere sind noch leistungsfähig und wollen auch noch was tun", sagte Hilmar Schneider, Chef am Institut zur Zukunft der Arbeit, der Nachrichtenagentur dpa.

Männer, Westdeutsche und Gebildete haben besonders oft noch eine Arbeit

Aber nicht nur das: Sie wollen Kontakte halten, etwas Sinnvolles leisten, noch gebraucht werden.

Wie Ingrid A. aus Ludwigshafen. Bei Rent a Rentner preist sich die Rentnerin so an: "Da ich mich noch fit fühle, würde ich gerne noch einen 450-Euro-Job ausüben. Ich bin Bilanzbuchhalterin, zuletzt in der Insolvenzabteilung einer Anwaltskanzlei." Jürgen Deller, in Lüneburg Professor für Wirtschaftspsychologie, sagt: "Für die meisten, die nach dem Rentenalter weiterarbeiten, ist Arbeit einfach positiv besetzt."

Nur: Welche Rolle spielt das Geld dabei? Auch dafür liefert das Statistische Bundesamt Zahlen. Demnach lebt etwa jeder Dritte der Erwerbstätigen zwischen 65 und 74 Jahren vom eigenen Arbeitseinkommen. Für mehr als die Hälfte ist dieses Einkommen jedoch ein Zubrot, sie bestreiten ihren Lebensunterhalt vor allem von der Rente.

Unklar bleibt dabei, inwieweit sie auf die Zusatzeinkünfte unbedingt angewiesen sind. Einerseits zeigt eine von der Bundesregierung vorgelegte Studie des Deutschen Zentrums für Altersfragen, dass vor allem höher gebildete, männliche und westdeutsche Senioren arbeiten - eine Gruppe, bei der Altersarmut eher weniger verbreitet ist.

Andererseits steigt die Zahl der Alten, deren Rente nicht reicht. Immer mehr sind deshalb auf Hilfe vom Sozialamt angewiesen. Auch ist die Zahl derjenigen stark gewachsen, die mit mindestens 70 Jahren noch verschuldet sind. Darauf weist Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland, hin. Für sie ist das ein "deutlicher Beweis für die wachsende Altersarmut". Mascher sagt: "Die Gründe, warum Ältere weiterarbeiten, sind sicher vielfältig." Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigten aber erneut, "dass viele Menschen im Ruhestand arbeiten, weil sie mit ihrer Rente kaum über die Runden kommen. Viele arbeiten also, weil sie müssen, nicht weil sie wollen."

So oder so, Rent a Rentner profitiert vom wachsenden Arbeitsmarkt für Alte. Die Rentner, wirbt das Internetportal, seien "zu gut für den Ruhestand".