Arbeitsmarkt für Asylbewerber:Berufliche Qualifikationen werden nicht abgefragt

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Ein erster Schritt, so sagen die Experten, müsste sein, die Qualifikationsstruktur der hier lebenden Flüchtlinge zu erfassen. Man weiß zwar, dass voriges Jahr 77.650 Menschen Asyl in Deutschland beantragten und es 2013 vermutlich mehr als 100.000 sein werden. Man weiß auch von weiteren etwa 90.000 Menschen, die nicht abgeschoben werden dürfen und von denen jeder Zweite bereits länger als sechs Jahre in Deutschland lebt. Was man nicht weiß, ist, was all diese Menschen können.

"Da dürfte vom Analphabeten bis zum Akademiker alles dabei sein", vermutet ein Experte der Bundesagentur für Arbeit. Es gibt scheinbar keine amtlichen Statistiken oder Untersuchungen, bislang hat sich einfach niemand darum gekümmert.

Verschüttetes Potenzial

Bildungsexperten aus der Wirtschaft, wie die Nürnberger IHK-Vize-Hauptgeschäftsführerin Ursula Poller, halten diese Ignoranz für einen Fehler. "Ich bin überzeugt, dass es unter diesen Menschen Potenzial gibt, über das man ernsthaft diskutieren muss, weil es für die Wirtschaft interessant wäre", sagt sie.

"Es wäre gut, wenn man die Fähigkeiten derjenigen, die etwas können, auch nutzen könnte", sagt Heike Klembt-Kriegel. Sie ist Chefin der Fosa, einer in Nürnberg angesiedelten Einrichtung, die für 77 der 80 deutschen IHKs ausländische Berufsabschlüsse von Migranten auf die Gleichwertigkeit zu den entsprechenden deutschen Abschlüssen hin überprüft.

Fachkräftemangel als Chance für Asylbewerber

Der Druck auf die politisch Verantwortlichen in Sachen Asylbewerber wächst allein deshalb, weil angesichts des demografischen Wandels die Fachkräftelücke immer größer wird. Studien von McKinsey und Prognos schätzen, dass bereits 2020 zwei und 2030 sogar fünf Millionen Fachkräfte fehlen werden.

Diese Lücke auch mit Asylbewerbern und Geduldeten zu füllen, wird nicht nur wegen der politischen Emotionen beim Thema Asyl nicht einfach. "Es müssten da viele zusammenarbeiten", sagt ein BA-Experte, "Bund, Länder, Kommunen, Ämter, Arbeitsagenturen."

Die Berliner Ausländerrechtsexpertin Esther Weizsäcker plädiert für eine umfassende Lösung: "Die Öffnung des Arbeitsmarktes für Asylbewerber muss einher gehen mit der Erweiterung legaler Zuwanderungsmöglichkeiten." Der lebensgefährliche Weg über inoffizielle Routen wie das Mittelmeer dürfe nicht die einzige realistische Chance für Migranten sein, nach Deutschland zu kommen. "Sonst werden Migranten in die Hände von Schleppern getrieben", warnt Weizsäcker.

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