Arbeitsmarkt:Mehr Nähe zu den Arbeitgebern als zur eigenen Familie

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Blanca ist gerade 50 geworden. Blond gefärbte Haare, Pagenkopf, um die Körpermitte ist sie kräftig. Wenn sie kommt, raucht sie als Erstes eine. Wenn ich sie frage, ob sie etwas mitessen möchte, schüttelt sie den Kopf, zeigt auf ihre Körpermitte und grinst. Ihre Laune ist immer gut. Am liebsten erzählt sie von ihren Enkelkindern, zwei sind es schon, sie wohnen mit Mama und Papa unten bei Blanca im Haus. Manchmal erzählt sie auch, wie genervt sie ist, weil das Haus nie fertig wird. Ihr Mann kriegt es einfach nicht hin. Sie lacht, wenn sie das erzählt, "Männer", sagt sie dann und schüttelt den Kopf.

Lidija, 47, dunkle Korkenzieherlocken, eine Haut wie Sahne, durchtrainiert, kann es kaum erwarten, Großmutter zu werden. Beide Söhne studieren noch, der eine in Warschau, der andere in Krakau. Sie möchten Sportlehrer werden, kommen nach dem Vater, der Karatetrainer ist. Er hat nicht studiert, Lidija auch nicht. Sie sagt, sie wird noch so lange in Deutschland putzen, bis die Jungs selbst Geld verdienen. Kann natürlich sein, dass sie weitermacht, wenn sie Enkel bekommt, wie Blanca, weil dann das Geld wieder nicht reicht. In München wohnen Blanca und Lidija abwechselnd bei Blancas Schwester in einer Wohnung unterm Dach. Schwabing, zwei kleine Zimmer, Küche, Bad.

Blancas Schwester ist fast immer in München. Auch sie putzt. Auch sie hat Kinder in Polen, die mittlerweile groß sind und den größten Teil ihres Lebens ohne ihre Mutter auskommen mussten. Lidija sagt, sie habe sich nie gewünscht, in München zu leben. Sie sei nicht einmal auf die Idee gekommen. Viel hat sie auch nicht gesehen von der Stadt in all den Jahren. Zum Spazierengehen ist sie abends zu kaputt. Nur wenn das Wetter besonders schön ist und ein lauer Wind durch München streicht, läuft sie nach Hause, statt die U-Bahn zu nehmen. Aber eigentlich ist sie froh, wenn sie die Tür hinter sich zuziehen kann. An Schwabing gefällt ihr, dass man von dort aus so schnell überall ist. In ein Café würde sie nie gehen, das Geld ist ja für zu Hause, für die Familie, für ein schöneres Leben in Polen und nicht für ein schöneres Leben in München.

"Gefühlsarbeiterinnen" nennt Arlie Russell Hochschild, Professorin für Soziologie an der University of California in Berkeley, die Migrantinnen aus ärmeren Ländern, die Familien in reicheren Ländern helfen, Arbeit und Familie zu vereinbaren. Gefühlsarbeiterinnen, weil sie mit ihrer Arbeit "das Wohlbefinden und den Status anderer unterstützen, verstärken, aufwerten".

Die Frauen fühlten sich ausgebeutet und einsam

Von Arlie Russell Hochschild stammt auch die Bezeichnung "global care chain" für das globale Netz weiblicher Fürsorge: Seit 1990 hat sich die Anzahl der Haushaltsarbeiterinnen weltweit um 19 Millionen erhöht, 720 000 Arbeitsmigrantinnen waren nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbunds 2012 in Deutschland tätig. Lidija sagt, fast alle ihre Freundinnen arbeiten irgendwo anders, viele sogar in Amerika. Die Sozialwissenschaftlerin Agnieszka Satola schreibt in einer Studie über die Biografie und Professionalität polnisch illegal beschäftigter Arbeitsmigrantinnen: "Die Frauen üben eine Tätigkeit aus, die keinerlei Anerkennung in der Gesellschaft findet, körperlich anstrengend ist und vor allem bis in die Intimsphäre ihrer Klientinnen reicht."

Die Frauen fühlten sich ausgebeutet und einsam, schreibt Satola, was verstärkt würde durch "biografische Risiken und Leiden aufgrund von beschränktem Austausch mit der Außenwelt, Sehnsucht nach der Familie sowie das Gefühl der vergehenden Zeit, in der sie ihre eigene Identität nicht entfalten können." Auch wenn diese Frauen äußerlich praktischen Tätigkeiten nachgehen, müssen sie emotional sehr großzügig sein. Die Nähe zu den Leuten, bei denen sie arbeiten, ist oft größer als die Nähe zu ihren eigenen Familien. Und die Nähe der Leute, für die sie arbeiten, zu ihnen ist es nicht unbedingt. Das gilt auch für die vielen Altenpflegerinnen, Krankenschwestern und Nannys, die mit den Haushaltshilfen zusammen einen so wichtigen Faktor für unsere Wirtschaft darstellen.

Ich kann mir nicht mal merken, wie der Ort heißt, aus dem Lidija kommt

Da entstehen oft Bindungen, zu den Alten, den Kindern, den Müttern und Vätern, durch die sie das Fehlen der eigenen Familie besser aushalten können. Und die wiederum den Job auch in ihren eigenen Augen sinnvoller wirken lassen. Satola: "Als Kompensationsmechanismus schreiben die Frauen, um ihren Selbstwert zu erhöhen (...), dieser Tätigkeit eine hohe humanistische Bedeutung zu." Lidija hat nicht nur meinen Sohn aufwachsen, sie hat auch die Kinder anderer Leute aufwachsen gesehen. Sie hat Streits und Scheidungen miterlebt, Karriereknicks, Umzüge, Insolvenzen, neue Liebesgeschichten. Lidija lästert nie. Sie interessiert sich auf die feinste Art für ihre Klienten. Sie achtet sie.

Und während ich das schreibe, denke ich, dass ich mir nicht mal merken kann, wie der Ort heißt, aus dem Lidija kommt. Ich glaube, ich habe zehn Jahre gebraucht, um nachzufragen, wie lange sie mit dem Bus hierher fährt: 14 Stunden sind es. Der Bus ist privat organisiert, er holt sie in ihrer kleinen Stadt weit im Osten von Polen ab. 100 Euro kostet die Fahrt, eine Strecke.

Vergangenes Jahr ist eine Freundin mit ihrem Sohn für eine Woche zu ihrer Putzfrau nach Polen gefahren. Sie haben ihre ganze Familie besucht: Bruder, Schwester, Eltern. Sie haben, wie im Film, ständig an Tischen gesessen, die sich bogen vor Essen, haben Schnaps getrunken, haben gesehen, dass die Häuser, in denen sie saßen und aßen, nicht so komfortabel waren wie unsere, nicht so dicke Mauern, nicht so schöne Bäder, keine Espressomaschinen. Die Freundin sagt, sie habe jetzt endlich ein Bild von der Frau, die ihre Blusen bügelt, ihr Bett bezieht, ihre Haare, die ihres Mannes und die ihres Sohnes aus der Dusche fischt. Von der Frau, die umgekehrt schon lange ein ziemlich komplexes Bild von ihr hat.

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