Deutschland, im Jahr 2031: Der geburtenstärkste Jahrgang, den das Land jemals erlebt hat, ist dann endgültig weg vom Arbeitsmarkt. 1,4 Millionen Menschen, die allein 1964 geboren sind. Weitere Jahrgänge aus der zahlenmäßig starken Boomer-Generation, mit der in Deutschland meistens die Jahrgänge 1955 bis 1970 gemeint sind, folgen. Der größte Wegbruch seit Jahrzehnten. Im ganzen Land suchen Firmen neues Personal. Im Bauwesen, in der Pflege, im IT-Bereich ist die Lage besonders angespannt. Arbeitskräfte werden von Plakaten an Busstationen, Talentscouts und Internetkampagnen umworben. Restaurants öffnen seltener, weniger Züge fahren, Krankenhäuser müssen schließen.
So könnte es in ein paar Jahren aussehen, wenn man Holger Schäfer vom IW Köln fragt. „Wenn wir diese Rückgänge nicht kompensieren, droht uns an allen Ecken und Kanten Arbeitskräftemangel, der unser gesamtes Leben dominieren wird.“ Zumindest, wenn Deutschland sich dem Problem nicht stelle. Der demografische Wandel, er ist für den Arbeitsmarkt eine Herausforderung, wie es sie in den Jahrzehnten zuvor nicht gab.
Eine der Lösungen, die Politiker und Wirtschaftsbosse gerne in vielen Facetten fordern, lässt sich ungefähr so zusammenfassen: Die Deutschen müssen einfach mehr arbeiten. Allianz-Vorstandschef Oliver Bäte schrieb im Handelsblatt, Deutschland habe eigentlich gar keinen Fachkräftemangel. „Vielmehr haben wir einen Mangel an Fachkräften, die genug arbeiten können und vor allem motiviert sind, mehr zu arbeiten.“ Friedrich Merz forderte in seiner Regierungserklärung „wieder mehr und vor allem effizienter zu arbeiten“. Und schon sein Vor-Vor-Vor-Vorgänger Helmut Kohl warnte 1993 davor, ein Land mit „Zukunft“ lasse „sich nicht als kollektiver Freizeitpark“ organisieren.
Doch stimmt das überhaupt? Ist Mehrarbeit die Lösung, um die alternde Gesellschaft zu finanzieren?
Auf den ersten Blick erscheint es so, als hätten Helmut Kohl und Friedrich Merz recht. Im vergangenen Jahr lag die durchschnittliche Arbeitszeit pro Woche bei 34,8 Stunden. Damit ist Deutschland fast Schlusslicht in Europa. Die Deutschen, so könnte man schlussfolgern, gehören zu den arbeitsscheusten Wesen Europas.
Doch diese Zahl ist mit Vorsicht zu genießen. Allein unter den Vollzeitbeschäftigten liegt die Arbeitszeit nämlich in etwa im EU-Durchschnitt. Viele in Deutschland arbeiten jedoch nicht Vollzeit. Mehr als 40 Prozent der Arbeitnehmer hierzulande haben einen Teilzeitjob – ein deutlich höherer Anteil als in anderen EU-Ländern. Das verzerrt die Werte für die Durchschnittsarbeitszeit. Das schlechte Ergebnis Deutschlands ist also eigentlich ein gutes Zeichen dafür, dass in den vergangenen Jahren neue Menschen in den Arbeitsmarkt gefunden haben. Frauen etwa, die nicht mehr zu Hause bleiben, sondern eine Teilzeitstelle angenommen haben.
Dadurch arbeiten so viele Menschen wie noch nie in Deutschland, mehr als 81 Prozent sind hierzulande berufstätig. Damit hat das Land eine der höchsten Erwerbstätigkeitsquoten in der EU. Gleichzeitig stecken viele Familien im Zuverdienermodell fest. Also: der eine Partner in Vollzeit, meist der Mann, der andere in Teilzeit, meist die Frau. „Dadurch geht dem Land viel Arbeitskräftepotenzial verloren“, sagt IW-Ökonom Schäfer. Arbeitskräfte, die man dringend gebrauchen könnte, weil bald die Boomer-Generation in Rente geht.
„Teilzeitfalle“ nennen einige Arbeitsmarktforscherinnen und Forscher dieses Phänomen. Vor allem Frauen kommen aus ihr schwer heraus, weil sie sich noch immer vermehrt um die Kinder kümmern und mit einer Vollzeitstelle auch nicht sonderlich viel mehr verdienen würden. Stichwort: Ehegattensplitting. „Wir müssen mehr arbeiten, aber an den richtigen Stellen“, sagt Arbeitsmarktforscher Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Das größte Potenzial liegt laut Weber darin, genau diese Teilzeitbeschäftigten in die Vollzeit zu bringen. Dadurch könnte man die Lücke durch die Renteneintritte der Boomer-Generation zumindest teilweise verringern.
Auch bei den Minijobbern könnte ein bisschen Arbeitszeit zu holen sein. Die Regelung für Minijobs ist schon seit Längerem umstritten. Kürzlich haben Unionsabgeordnete ihr weitgehendes Ende gefordert, auch die Gewerkschaft Verdi begrüßt das. Gleichzeitig steigt die Zahl der Minijobber weiter, im vergangenen Jahr war sie auf einem Allzeithoch. Dabei wollen bis zu 50 Prozent von ihnen mehr arbeiten.
Doch wenn sie die Minijobgrenze überschreiten, entfallen Privilegien wie die Steuerfreiheit oder die Ehegattenmitversicherung. „Deshalb entscheiden sich viele dagegen, mehr zu arbeiten“, sagt Weber. Die Minijobber-Mobilisierung könne zwar das Fachkräfteproblem nicht lösen. Denn viele von ihnen haben nicht die richtigen Qualifikationen dafür. Doch sie können in Feldern mit geringeren Qualifikationen einspringen. Auch dort gehen ältere Menschen bald in Rente.
Tatsächlich wollen laut einer IW-Studie Teilzeitbeschäftigte, Minijobber und sogar Menschen in Vollzeit mehr arbeiten, als sie das bisher tun. Mehr als 77 Prozent der Beschäftigten gaben an, dazu grundsätzlich bereit zu sein – wenn ihnen am Ende des Monats netto mehr Geld bleibt. Auch laxere Home-Office-Regeln könnten die Arbeitsbereitschaft laut der Umfrage steigern.
Die Deutschen sind arbeitsscheu und wollen ihr Land in einen „kollektiven Freizeitpark“ verwandeln? Falsch gedacht.
Vor allem der Gen Z, also den Jahrgängen 1995 bis 2010, wird diese Arbeitsträgheit oft vorgeworfen. Generation-Hängematte, Totalverweigerer, Work-Life-Balance-Profis. Die Jungen sind die Zielscheibe vieler Vorurteile. „Die Gen Z ist definitiv keine Ausgeburt der Faulheit, im Gegenteil“, sagt Weber. Die Zahlen zeigen: Die 20- bis 24-Jährigen arbeiten sogar sechs Prozent mehr, als ihre Alterskohorte es im Jahr 2015 getan hat. Das hat Enzo Weber für das IAB errechnet. Viel mehr kann die Gen Z also auch nicht arbeiten, um den Wegfall der Boomer-Generation auf dem Arbeitsmarkt wettzumachen.
Manchmal hilft der Blick ins Weite, um auf kreative Lösungen zu stoßen – zum Beispiel nach Griechenland. Dort ist man den Fachkräftemangel folgendermaßen angegangen: Angestellte dürfen nun sechs Tage die Woche arbeiten – wenn sie denn wollen. Das Land will so den Fachkräftemangel beheben, besonders arbeitseifrige Griechen haben dann mehr im Geldbeutel. Hierzulande findet eher die Debatte um eine Vier- statt eine Sechs-Tage-Woche statt. Einige Arbeitnehmervertretungen fordern sie, der Bundeskanzler sieht darin jedoch eine Gefahr für den Wohlstand.
Enzo Weber sagt: „Meine Lösung ist die X-Tage-Woche.“ Also: Jeder solle sich doch bitte selbst seine Arbeitszeiten einteilen. Durch flexiblere Modelle könnten Mütter beispielsweise aufstocken, Väter hingegen etwas weniger arbeiten. „Das können die Beschäftigten besser als die Politik, die lieber Hürden beseitigen und Anreize schaffen sollte“, sagt Weber. Seine Vorschläge für die Bundesregierung und ihren fast schon verstrichenen Herbst der Reformen: eine bessere Kinderbetreuung schaffen oder das Ehegattensplitting reformieren, damit sich Mehrarbeit lohne.
Ob sich dies politisch umsetzen lässt, ist eine andere Frage. Bevor der geburtenstärkste Jahrgang 2031 in Rente geht, gibt es immerhin noch ein paar Jahreszeiten für Reformanläufe.

