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Arbeitslosigkeit:Aus der Pandemie darf keine Dauerkrise am Arbeitsmarkt werden

Amzon-Beschäftigte

Die Deutschen kaufen mehr online, was Verkäufer in Warenhäusern überflüssig macht - aber im Versandhandel neue Stellen schafft.

(Foto: Jan-Philipp Strobel/dpa)

Dass die Arbeitslosigkeit trotz des zweiten Teil-Lockdowns sinkt, ist erst einmal ein Erfolg der Politik. Es gibt jedoch neben Corona eine weitere Bedrohung, die Millionen Jobs kosten könnte: den Strukturwandel.

Kommentar von Alexander Hagelüken

Das wird manchen Bürger erstaunen: Da schloss die Regierung wegen steigender Infektionszahlen Restaurants, Kinos und anderes, doch eine Entlassungswelle blieb im November aus. Insgesamt schrumpfte die Zahl der Arbeitslosen sogar. Das ist erst einmal ein Erfolg der Politik. Langfristig allerdings muss man sich um die Beschäftigung in Deutschland durchaus Sorgen machen. Deshalb wird die Regierung sogar noch mehr gefordert sein als bisher schon.

Wieso kommt es nicht zu einer Entlassungswelle, obwohl Tausende Betriebe zu sind und sich die wirtschaftlichen Aussichten generell etwas eintrüben? Das liegt zum einen daran, dass Kultur, Sport und Gastronomie nur etwa vier Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung ausmachen. Wären wie im Frühjahr Fabriken in der Industrie dicht, wären deutlich mehr Arbeitsplätze gefährdet.

Zum anderen bleiben Massenentlassungen aus, weil die Bundesregierung in der Pandemie mehr leistet als die Politik in anderen Ländern. Sie ersetzt Restaurants und anderen geschlossenen Betrieben drei Viertel des früheren Umsatzes, sie bezuschusst Kurzarbeit großzügig. Deshalb überlegen es sich Firmeninhaber gut, bevor sie eingearbeitete Beschäftigte entlassen, die sie im Aufschwung wieder brauchen werden - die aber dann woanders angefangen haben.

Solche Überlegungen gibt es gerade auch außerhalb der geschlossenen Branchen, etwa in der Industrie. Zwar verdüstert der Teil-Lockdown die Stimmung. Auf der anderen Seite nehmen die für Deutschland so wichtigen Exporte zu, weil sich Asien rasch von der Pandemie erholt. Und die Aussicht auf einen Impfstoff lässt zahlreiche Manager glauben, dass ihr Geschäft bald wieder normaler aussehen wird. Bleibt es bei diesen Trends, hätte es die Bundesregierung durch ihre zweifellos teure Politik geschafft, Massenarbeitslosigkeit zu verhindern - eine enorme Leistung.

Unternehmen zögern, überhaupt jemanden Neues einzustellen

Es gibt jedoch neben Corona noch eine Bedrohung: den Strukturwandel. Die Deutschen kaufen mehr online, was etwa Verkäufer in Warenhäusern überflüssig macht. Und der Klimaschock erzwingt ökologischere Fahrzeuge wie Elektroautos, die sich mit weniger Arbeitern herstellen lassen als Benziner. Das sind nur zwei Beispiele für den Umbruch, der schon vor der Pandemie begann - und Millionen Jobs kosten könnte.

Allerdings findet so ein Wandel in Marktwirtschaften häufiger statt. Benziner-Autos ersetzten Pferdekutschen und Warenhäuser kleine Läden. Viele Jobs fielen weg. Durch neue Produkte entstanden gleichzeitig viele neue Arbeitsplätze. Das kann auch diesmal gelingen.

Wegen des Doppelschlags aus tiefer Pandemiekrise und Umbruch zögern Unternehmen jedoch derzeit, überhaupt jemanden Neues einzustellen. Falls das länger so bleibt, sollte die Regierung finanzielle Anreize für Neueinstellungen setzen, damit aus der Pandemie keine Dauerkrise am Arbeitsmarkt wird. Klar kosten solche Anreize schon wieder Geld. Aber das lässt sich im Aufschwung wiederhereinholen. Wenn sich dagegen Arbeitslosigkeit verfestigt, kommt das den Staat und die ganze Gesellschaft viel teurer.

© SZ/fzg
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