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Arbeitsmarkt und Corona:Einkaufen, um Jobs zu retten

Agentur für Arbeit in Köln

Bauarbeiten vor dem Gebäude der Agentur für Arbeit in Köln. Die Einschränkungen der Corona-Pandemie treiben die Arbeitslosenzahlen weiter in die Höhe.

(Foto: dpa)

Deutschland hat die Chance, aus der Corona-Krise ohne dauerhafte Massenarbeitslosigkeit herauszukommen. Aber dafür muss noch viel geschehen.

Brutal stoppt die Corona-Pandemie den Aufwärtstrend, von dem die deutschen Arbeitnehmer seit mehr als einem Jahrzehnt profitieren. Im Mai wurden erneut Hunderttausende arbeitslos, den zweiten Monat in Folge. Das ist nach all den Jahren des Booms ein drastischer Einschnitt. Trotz der schlechten Nachrichten gibt es jedoch Hoffnung - wenn sich die gegenwärtigen Konjunkturprognosen bewahrheiten und die Regierung das Richtige tut.

Der erste Blick gilt jenen, die es in der Corona-Pandemie besonders trifft. Dazu zählen viele in der Reise-, Gastro- oder Kulturbranche, wo sich die Schließungen auswirken. Dazu zählen überproportional Frauen, die sowohl in betroffenen Branchen stark vertreten sind als auch großteils die ausfallende Kinderbetreuung übernehmen. Und dazu zählen generell viele Beschäftigte mit befristeten Verträgen und Leiharbeiter, die sich entgegen der Schönrednerei der Wirtschaftsverbände eben doch als Mitarbeiter zweiter Klasse erweisen. Bei all diesen Gruppen muss die Politik überlegen, wie sie helfen kann, bevor die Belastung zu viel wird und Arbeitslosigkeit zum Dauerzustand.

Insgesamt wirkt das Bild so bedenklich, wie es der wahrscheinlich stärkste Konjunktureinbruch seit dem Zweiten Weltkrieg eben erwarten lässt. Die Zahl der Arbeitslosen, 2019 rekordniedrig bei 2,3 Millionen, dürfte in den nächsten Wochen auf mehr als drei Millionen steigen. Unternehmen lassen befristete Stellen auslaufen, sie entlassen Mitarbeiter und stellen kaum welche ein.

Allerdings, und das ist in diesen schweren Zeiten zentral: Es gibt positive Perspektiven. Je mehr die Corona-Beschränkungen gelockert werden, desto mehr zieht die Wirtschaft an. Und dann verbessert sich, mit Verzögerung, der Arbeitsmarkt. Die Konjunkturforscher erwarten, dass die deutsche Wirtschaft 2020 um sieben bis acht Prozent schrumpfen wird. Kommt es so, soll die Arbeitslosenzahl im Jahresdurchschnitt um eine halbe Million steigen. Das wäre schmerzhaft, jedoch angesichts der Schwere der Wirtschaftskrise noch glimpflich. Es wäre erst recht glimpflich, vergleicht man diese Zahl mit den Verwüstungen am italienischen oder amerikanischen Arbeitsmarkt.

Dieses akzeptable Szenario hat Bedingungen. Es setzt voraus, dass es nicht zu einer zweiten Infektionswelle mit erneut starken Beschränkungen der Unternehmen kommt. Es setzt voraus, dass sich die Weltwirtschaft normalisiert, von der Deutschland besonders abhängt - und dass die Massenkurzarbeit nicht in Massenentlassungen umschlägt.

Hilfe auch für Arbeitnehmer

Auf den ersten Blick schockiert es, dass die Unternehmen für jeden dritten normal Beschäftigten Kurzarbeit anmelden. Doch in Wahrheit ist es in diesem historischen Einbruch ein gutes Zeichen, wenn so viele lieber Arbeitszeit reduzieren, als Beschäftigte zu feuern. Den Deutschen kommt zugute, dass die Bevölkerung altert und schrumpft. Da halten Betriebe ihre Leute lieber, als sich mühsam neue zu suchen, sobald die Konjunktur boomt.

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Diese Kalkulation funktioniert aber nur, wenn die Unternehmen einen Ausweg aus der Krise sehen. Dabei geht es um reale Perspektiven, aber auch um Psychologie. Die Wirtschaft braucht das Gefühl, dass sich die Regierung weiter mit aller Kraft gegen Corona stemmt. Dafür ist ein Konjunkturpaket mit Hilfen für die Betriebe nötig. Das reicht aber nicht aus, um eine Eskalation am Arbeitsmarkt zu verhindern. Die Regierung muss die Arbeitnehmer stärker in den Blick nehmen.

Verständlicherweise sorgen sich viele Deutsche darum, dass sie ihren Job verlieren. Wenn sie wegen dieser Angst weniger konsumieren, erhöhen sie perverserweise die Gefahr, dass sie oder andere wirklich ihren Job verlieren - weil länger ausfallende Nachfrage die Unternehmen zum Stellenabbau bewegt. Bisher fehlt ein Plan, die Bürger flächendeckend durch finanzielle Anreize zum Konsum anzuregen, bei dem sie sich derzeit zurückhalten.

Und es fehlt noch etwas anderes. Je länger jemand aus dem Job ist, desto mehr entwerten sich seine Fähigkeiten. Neue technologische Entwicklungen gehen über sie oder ihn hinweg. Deshalb drohen nach jeder Rezession mehr Arbeitslose übrig zu bleiben, selbst wenn die Konjunktur wieder läuft. So hat es Deutschland seit den 1970er-Jahren mehrfach erlebt. Deshalb sollten sich Politik und Unternehmen jetzt schon darum kümmern, wie jene Menschen für neue Jobs zu qualifizieren sind, die jetzt ihre Stelle verlieren.

Ja, das Land hat die Chance, aus der Corona-Krise ohne neue Massenarbeitslosigkeit herauszukommen. Aber damit dies gelingt, muss noch viel geschehen.

© SZ vom 04.06.2020/mxh
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