Noch vor wenigen Jahren flimmerten auf den Monitoren in den U-Bahn-Schächten der Republik überall Stellenanzeigen auf. Selbst in den Verpackungsboxen von Ikea fanden sich Mitarbeitergesuche wieder: Neben der komplizierten Bedienungsanleitung für irgendeinen Multiplex-Schrank schummelte die Firma ein Karriereheft hinein, mit dem Titel „Bau dir deine Zukunft“ und zwar am besten bei dem schwedischen Möbelhaus. Und die Kosmetikmarke L’Oréal entwickelte gleich ein eigenes Online-Spiel, in dem Menschen den Job schon einmal nachspielen konnten. Auf dem damaligen Arbeitsmarkt, da hatten die Arbeitnehmer die Wahl. Und heute?
Im Jahr 2026, multiple Krisen später, hat der Arbeitsmarkt sich massiv gewandelt. Die Zahl der ausgeschriebenen Stellen sinkt deutlich, nun haben die Arbeitgeber wieder mehr Macht. Ein großer Verlierer in dieser Entwicklung: junge Berufseinsteiger. Das zeigt nun auch eine neue Studie der Social-Media-Plattform Linkedin. Die repräsentative Umfrage mit 1000 Berufseinsteigern im Alter von 18 bis 29 Jahren ergab, dass 27 Prozent von ihnen Probleme beim Jobeinstieg haben. Zwei Gründe, die viele in der Umfrage genannt haben: Die Ansprüche der Firmen seien zu hoch, und es gebe wenige Stellen in ihrem jeweiligen Feld.
Laut der Linkedin-Studie wurden im vergangenen Jahr 17 Prozent weniger Berufseinsteiger eingestellt als 2024. Im Vergleich zum Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre fällt das Ergebnis noch drastischer aus: Da sind die Jobangebote für Einsteiger laut einer Analyse der Stellenplattform Stepstone gar um 45 Prozent gesunken.
Netzwerken wird wichtiger, aber wie lernt man das?
Weil Stellen für junge Leute knapp sind, werden gute Kontakte wichtiger. Fehlen solche Kontakte, erschwert das den Berufseinstieg zusätzlich, auch das zeigt die Linkedin-Umfrage. 84 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass das sogenannte Vitamin B wichtig ist. Fast ein Drittel der Umfrageteilnehmer sieht auf diesem Gebiet das größte Hindernis bei der Stellensuche.
„Netzwerke beeinflussen berufliche Chancen heute entscheidend“, sagt Barbara Wittmann, die bei Linkedin die DACH-Region verantwortet, also Deutschland, Österreich und die Schweiz. Doch jungen Menschen falle es oft schwer, das eigene Kontaktbuch auszubauen. Nur 20 Prozent der befragten Berufseinsteiger gaben an, Menschen in relevanten Feldern kontaktiert oder ihr berufliches Profil über Plattformen weiterentwickelt zu haben. Dass der Anteil so niedrig ist, lasse sich teils mit fehlenden Kompetenzen begründen, aber auch damit, dass Netzwerke-Bilden „noch immer negativ konnotiert“ sei.
Frühere Studien haben ergeben, dass die Fähigkeit dazu noch immer vom Elternhaus abhängt. Sie zeigt sich etwa an der Frage, ob man beim Vernetzen mit Personen aus der Branche oder beim Anschreiben für einen Praktikumsplatz Hilfe bekommt. Die soziale Herkunft kann so zu einem zentralen Karrierebooster werden.
Und eine Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group weist darauf hin, dass die soziale Herkunft entscheidender für die eigenen Karrierechancen ist als das Geschlecht, das Alter oder die ethnische Zugehörigkeit. Was gegen die sogenannte Klassenschranke helfen könnte? Zum Beispiel Mentoring-Programme, von denen gerade jene profitieren, die das berufliche Vernetzen nicht von den eigenen Eltern mitbekommen haben.
Auf eine andere Möglichkeit weist Linkedin-Managerin Wittmann hin: Auch mithilfe künstlicher Intelligenz könnten Absolventen trainieren, wie man sich richtig in der eigenen Branche und bei Personalern bekannt macht. „Netzwerken ist eine Fähigkeit, die man erlernen kann“, sagt Wittmann. Sie muss das sagen, klar. Denn das Geschäftsmodell ihres Arbeitgebers ist nun mal: das Netzwerken.
