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Arbeitsmarkt:Deutschland wird auf Zuwanderung angewiesen sein, sagen Experten

Ein weiterer Grund für Schulten: Die Gewerkschaften hätten weniger Verhandlungsmacht als früher, weil nur noch die Hälfte der Beschäftigten nach Tarifvertrag bezahlt wird. Schulten fordert die Bundesregierung daher auf, prekäre Beschäftigungsformen wie befristete Verträge einzuschränken. Außerdem solle sie Tarifverträge für eine ganze Branche verpflichtend machen, also auch für die Firmen, die nicht im Arbeitgeberverband sind. Gerade in Niedriglohnbranchen zahlten besonders wenige Firmen nach Tarifvertrag.

Wie sich die Bezahlung der Bundesbürger entwickelt, ist schon deshalb relevant, weil sich der Arbeitsmarkt in den kommenden Jahrzehnten drastisch verändern wird. Zuletzt stieg stets die Zahl jener, die als Arbeitskräfte verfügbar waren. Das lag etwa daran, dass ein höherer Anteil von Frauen arbeiten ging. In den nächsten Dekaden wird sich alles grundlegend wandeln, weil immer mehr geburtenstarke Jahrgänge in Rente gehen - nie zuvor wurden so viele Deutsche geboren wie 1964.

Dem Arbeitsmarkt könnten deshalb 2040 deutlich weniger Bürger zur Verfügung stehen als heute, rechnet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vor. Wenn es zum Beispiel dabei bleibt, dass wenige 60-bis 74-Jährige arbeiten, fehlen dem Arbeitsmarkt in 20 Jahren zehn Millionen Menschen (siehe Grafik, pessimistische Variante). Die Forscher halten das zwar für unwahrscheinlich: Sie glauben, dass in einzelnen Altersgruppen mehr Menschen arbeiten gehen als bisher, so, wie dies zuletzt bei Frauen generell der Fall war. Aber auch in diesem Fall fehlen Millionen Arbeitskräfte - ein großes Loch in der Zukunft.

Arbeitslosigkeit bei Einwanderern deutlich gesunken

"Das heißt, man wird reagieren müssen", sagt DIW-Ökonom Karl Brenke. "Eine Reaktion ist natürlich die vermehrte Zuwanderung insbesondere von Qualifizierten." Bei allen bisherigen Berechnungen ist unterstellt, dass es unterm Strich jährlich nicht zu einer Zuwanderung in die Bundesrepublik kommt. Auch IAB-Forscher Enzo Weber ist der Meinung, dass Deutschland auf Zuwanderung angewiesen sein wird. Dabei werde es darum gehen, gezielt um Kräfte zusätzlich zu jenen Menschen zu werben, die die Bundesrepublik als Asylanten aus humanitären Gründen wie politischer Verfolgung aufnimmt: "Das Wesentliche ist, dass man auf die Qualifikation der Personen und ihre Flexibilität achtet. Menschen, die sich am Arbeitsmarkt im Regelfall selbst helfen können."

In diesem Zusammenhang ist interessant, dass sich eine Art der Zuwanderung als Erfolgsgeschichte herausstellt, die in den Nullerjahren häufig als Gefahr gesehen wurde: der Zuzug von EU-Bürgern aus Osteuropa. "Diese Zuwanderung hat in den letzten Jahren einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung geleistet", sagt Wido Geis vom Institut der deutschen Wirtschaft. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aus den neuen EU-Mitgliedsländern hat sich nach seiner Studie von 2010 bis 2017 auf 1,14 Millionen fast verfünffacht - und die Arbeitslosenrate in dieser Gruppe halbiert.

© SZ vom 01.09.2017/jps
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