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Arbeitslosigkeit:Ohne Umweg in Hartz IV

Zu geringe Löhne, zu geringe Arbeitszeit: Eine Statistik der Bundesagentur für Arbeit legt nahe, dass mehr und mehr Menschen nach dem Jobverlust sofort Arbeitlosengeld II statt ALG I beziehen. Wer ist davon betroffen? Und ist das Risiko tatsächlich gestiegen? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Es ist der Albtraum eines jeden Angestellten: den Job verlieren und dann von Hartz IV leben müssen. Eine Analyse der Bundesagentur für Arbeit legt nahe, dass mehr und mehr Menschen gleich nach einem Jobverlust unmittelbar ALG II beziehen müssen - ohne Umweg über das im Durchschnitt höhere Arbeitslosengeld I. Doch wer muss sich wirklich Sorgen machen?

Montagsdemonstranten Hartz IV

Arbeiten und dann Hartz IV - Wer muss das befürchten?

(Foto: dpa)

Wer läuft besonders Gefahr, sofort in Hartz IV abzurutschen?

Es gibt im Wesentlichen zwei Gründe, warum mehr und mehr Menschen nach dem Jobverlust sofort ALG II anstelle von ALG I beziehen müssen. Zum einen sind viele von ihnen nicht lange genug beschäftigt gewesen, um einen Anspruch auf das Arbeitslosengeld I zu haben. Den hat man nur, wenn man innerhalb der letzten zwei Jahre vor Verlust seines Arbeitsplatzes mindestens ein Jahr in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt hat. Das ist bei vielen Menschen nicht mehr der Fall. "Die Anzahl derer, die an den Rändern der Unternehmen flexibel angestellt sind, steigt", sagt Olaf Struck, Arbeitsmarktforscher an der Universität Bamberg.

Will heißen: Immer mehr Firmen stellen Leiharbeiter ein. Wenn die ihren Job verlieren, haben sie oft noch nicht lange genug in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt, um einen Anspruch auf ALG I zu haben - und fallen sofort in Hartz IV. "Es müssen aber nicht immer Leiharbeiter sein", ergänzt Struck, "zum Beispiel im Einzelhandel oder im Gastgewerbe werden Leute saisonweise ein- und wieder ausgestellt."

Die zweite Gruppe sind Geringverdiener. "Die Löhne in diesem Sektor sind gesunken", sagt Struck, "viele Leute verdienen schon im Job so wenig, dass sie eigentlich Anspruch auf Hartz IV hätten." Wenn sie dann arbeitslos werden, reicht das Arbeitslosengeld I, das 60 Prozent des Nettogehalts entspricht, nicht zum Leben - und sie müssen mit ALG II aufstocken.

Eine weitere anfällige Gruppe nennt Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung: Studienabgänger. "Da kann man sich vorstellen, dass sie erst ein Praktikum machen oder nur eine befristete Stelle kriegen." Grundsätzlich sind sich die Experten jedoch einig, dass es vor allem Geringqualifizierte trifft. Das belegen auch die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit: Nur jeden fünften qualifizierten Arbeitslosen habe dieses Schicksal in den vergangenen zwölf Monaten ereilt. Bei Geringqualifizierten, die arbeitslos werden, muss fast jeder zweite sofort Leistungen der staatlichen Grundsicherung beziehen.