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Arbeitsmarkt:Arbeitslosigkeit sinkt trotz Teil-Lockdown

Coronavirus heftiger für Arbeitsmarkt als Finanzkrise

Bislang schlägt sich die konjunkturelle Wiederbelebung im Sommer kaum am Arbeitsmarkt nieder.

(Foto: dpa)

Zwar geht die Zahl der Jobsuchenden weiter zurück, neue Stellen werden jedoch kaum geschaffen. Experten sind beunruhigt.

Von Alexander Hagelüken

Trotz des neuen Teil-Lockdowns bleibt eine Entlassungswelle in deutschen Unternehmen zunächst aus. Nachdem die Politik wegen steigender Infektionszahlen Restaurants, Kultur- und Sportstätten erneut geschlossen hatte, rechnete mancher mit dramatischen Folgen. Stattdessen gab es im November sogar 60 000 Arbeitslose weniger, insgesamt 2,7 Millionen. Ökonomen sorgen sich jedoch, dass die Pandemie langfristige Schäden anrichtet.

"Der Arbeitsmarkt hat auf die Schließungen im Moment glücklicherweise nicht mit einer Zunahme von Entlassungen reagiert", sagt Detlef Scheele, Chef der Bundesagentur für Arbeit. Die Firmen handelten anders: Sie meldeten für mehr als eine halbe Million Beschäftigte neu Kurzarbeit an, mehr als in den Vormonaten. Das deutsche Modell, durch staatlich bezuschusste Verkürzung der Arbeitszeit Entlassungen zu vermeiden, funktioniert bislang also weiter gut. Als die Wirtschaft im Frühjahr einbrach, stieg die Zahl der Kurzarbeiter sprunghaft auf sechs Millionen. Seitdem ist sie wieder auf gut zwei Millionen geschrumpft. Wer nicht mehr kurzarbeitete, wurde selten entlassen, sondern kehrte in seinem Job zur normalen Arbeitsdauer zurück.

Es gilt jedoch als wahrscheinlich, dass die Schließung von Restaurants, Kultur und Sport in den kommenden Wochen noch Jobs kosten wird. Die Politik verlängerte den Teil-Lockdown auf Dezember, eine Ausdehnung auf Januar ist möglich. Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) schätzt, dass der Teil-Lockdown 100 000 Jobs kosten könnte. "Ich erwarte in keinem Fall so einen Einbruch wie im Frühjahr, als mehr als eine halbe Million Arbeitsplätze verloren gingen", sagte Weber. Auch eine durch stark steigende Infektionen außer Kontrolle geratene Pandemie mit all ihren Konsequenzen würde wohl weit mehr Arbeitsplätze kosten als der Teil-Lockdown. Holger Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) erwartet, dass die neuen Schließungen womöglich nicht nennenswert Jobs kosten, weil es etwa in der Industrie positive Entwicklungen gebe.

Forscher wie Weber treibt nicht der neuerliche Teil-Lockdown um, sondern etwas anderes: Die konjunkturelle Wiederbelebung im Sommer schlug sich am Arbeitsmarkt kaum nieder. Von Juli bis Oktober wuchs die deutsche Wirtschaft um 8,5 Prozent. Damit glich sie einen großen Teil des Absturzes vom Frühjahr aus. Dieser Aufschwung brachte aber keinen entsprechenden Zuwachs an Stellen. Im November waren die Betriebe sogar wieder zurückhaltender bei der Personalsuche, so Arbeitsagentur-Chef Scheele. Aktuell gibt es saisonbereinigt 44,6 Millionen Arbeitnehmer, Beamte, Selbständige und Minijobber - 600 000 weniger als vor der Pandemie, meldet das Statistische Bundesamt. Die Zahl der Erwerbstätigen nahm von Juli bis November fast nicht zu.

"Wenn das in dieser Geschwindigkeit weitergeht, brauchen wir noch ein paar Jahre, um den Corona-Schock wettzumachen", sagt Weber. "Der wirtschaftliche Wiederaufschwung löst das Problem womöglich nicht." Der Abbau der Arbeitslosigkeit gelinge eher langsam, erwartet auch Arbeitsmarktforscher Holger Schäfer.

Neben Corona gibt es noch andere Belastungen

Damit drohen bleibende Schäden. Etwa wenn junge Schul- und Uni-Abgänger erst mal gar keine Jobs finden - oder nur schlechter bezahlte, unter ihrer Qualifikation. Doch warum verzögert sich die Erholung am Arbeitsmarkt? Viele Unternehmen haben wegen der Pandemie Kurzarbeit angemeldet. Wenn das Geschäft wieder zu laufen beginnt, lassen sie ihre Beschäftigten erst mal länger arbeiten, auch mit Überstunden, bevor sie neue einstellen.

Dazu kommt, dass es neben Corona noch andere Belastungen gibt. Einzelhandel, Autobranche und die Industrie insgesamt befinden sich im Umbruch. Mehr Kunden kaufen online, weshalb es weniger Verkäufer in Geschäften braucht. Die Autobranche muss wegen des Klimawandels auf umweltfreundlichere Antriebe umstellen, doch Elektroautos lassen sich mit weniger Fabrikarbeitern bauen. Die Digitalisierung macht darüber hinaus viele Produktionsjobs überflüssig.

Enzo Weber betont, dass auch viele neue Arbeitsplätze entstehen könnten. In der Informationstechnik genau wie im sozialen Bereich, bei Gesundheit und Pflege. Und generell bei neuen Produkten, die es noch gar nicht gebe: "Wir brauchen die Dynamik, dass Neues entsteht." Weil derzeit aber fast alle Unternehmen mit Neueinstellungen zögerten, während es sonst etliche Millionen Neueinstellungen im Jahr gibt, fordert der Forscher die Politik auf, neue Anreize zu setzen. Firmen, die jemanden für längere Zeit neu einstellen, solle die Politik bis zu einem halben Jahr die Sozialbeiträge erlassen. Als Job-Turbo, damit die Corona-Pandemie keine Dauerkrise am deutschen Arbeitsmarkt auslöst.

Weber verweist auf positive Erfahrungen mit Einstellungszuschüssen in Frankreich und auf Studien, wonach solche Hilfen in Deutschland effektiver wäre als die üblichen staatlichen Ausgabenprogramme. Die Kosten beziffert er auf fünf Milliarden Euro, wobei der Staat gleichzeitig Sozialausgaben spare und mehr Steuern und Sozialbeiträge einnehme. Holger Schäfer ist skeptisch: So ein Zuschuss sei teuer und manche Firmen nähmen ihn bei ohnehin geplanten Einstellungen einfach mit, so der IW-Forscher auf einem Webinar der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.

© SZ/vit
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