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Corona:Arbeitslosigkeit sinkt - aber neue Beschränkungen könnten über 100 000 Jobs kosten

Coronavirus - Bremen

"Gastronomie oder Kinos sind nicht an der Pandemie schuld. Befristete Zuschüsse sind sinnvoll - und nach der Pandemie Hilfe bei der nachhaltigen Sanierung für die Betriebe, deren Geschäftsmodell nicht überholt ist", sagt Enzo Weber.

(Foto: Sina Schuldt/dpa)

Trotz steigender Infektionszahlen geht die Zahl der Stellensucher zurück. Experten erwarten zwar einen zweiten Rückschlag am Arbeitsmarkt - aber keinen massiven Konjunktureinbruch.

Von Alexander Hagelüken

Die Arbeitslosigkeit ist in Deutschland trotz steigender Infektionszahlen zunächst weiter deutlich gesunken. Im Oktober nahm die Zahl der Jobsucher um 90 000 auf 2,75 Millionen ab. Allerdings könnte es in den kommenden Monaten wieder einen herben Rückschlag geben. Auch bei Lehrstellen ist die Situation schwierig, aber weniger schlimm als befürchtet.

"Nach wie vor zeigen sich am Arbeitsmarkt deutliche Spuren der Corona-Pandemie", sagt der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Detlef Scheele. So waren im Oktober 550 000 Bürger mehr auf Stellensuche als ein Jahr zuvor. Mit dem starken Konjunktureinbruch aufgrund der Corona-Einschränkungen im Frühjahr war die Arbeitslosenzahl rasch gestiegen. Als sich die Wirtschaft nach den Lockerungen zu erholen begann, gab es aber einen positiven Trend. Ab Sommer sank die Zahl der Arbeitslosen dann wieder, wenn man übliche Saisoneffekte herausrechnet.

"Der deutsche Arbeitsmarkt verkraftet Konjunktureinbrüche besser als früher", sagt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB). "Viele Unternehmen halten ihre Mitarbeiter, weil es einen Mangel an Fachkräften gibt. Durch die großzügigen Kurzarbeitsregeln wird das Halten stark unterstützt."

Am Arbeitsmarkt setzte sich der positive Trend im Oktober fort. Auch die Zahl der Kurzarbeiter ging erneut zurück. Allerdings erfassen die Monatszahlen der Jobagentur immer nur die Entwicklung bis Mitte des Monats. Die gestiegenen Infektionszahlen werden sich also teilweise erst noch in den Arbeitslosendaten niederschlagen - ebenso wie die am Mittwoch beschlossenen Schließungen von Restaurants, Kultur- und Sportstätten von kommendem Montag an.

"Die beschlossenen Restriktionen werden einige Branchen hart treffen, aber die Gesamtwirtschaft schützen", sagt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Die zusätzlichen Hilfen für die am stärksten betroffenen Branchen, denen die Regierung bis zu drei Viertel des Umsatzes ersetzen will, seien angemessen. "Trotzdem ist zu befürchten, dass die deutsche Wirtschaft durch eine starke zweite Infektionswelle wieder in den Abschwung getrieben wird."

Die Reserven vieler Betriebe seien bereits stark strapaziert, so Weber

"Wir müssen am Arbeitsmarkt einen zweiten Rückschlag hinnehmen", sagt Weber, Prognosechef des IAB-Instituts. "Ich erwarte aber keinen massiven Konjunktur-Absturz wie im Frühjahr." Die Schließungen könnten zwar mehr als 100 000 Arbeitsplätze kosten, manche vielleicht aber nur vorübergehend. Entscheidend sei, dass die angekündigten Hilfen der Regierung wirkten. Denn die Reserven vieler Betriebe seien bereits stark strapaziert.

Die Hilfen der Regierung hält Weber für gerechtfertigt: "Gastronomie oder Kinos sind nicht an der Pandemie schuld. Befristete Zuschüsse sind sinnvoll - und nach der Pandemie Hilfe bei der nachhaltigen Sanierung für die Betriebe, deren Geschäftsmodell nicht überholt ist." Wenn die Wirtschaft sich nach und nach erholt, erwartet der Ökonom, dass die Arbeitslosigkeit bis 2022 wieder auf das Niveau vor Ausbruch der Pandemie sinkt - also auf etwa 2,3 Millionen Menschen.

Arbeitsagentur-Chef Scheele zieht im Oktober zudem erstmals eine Bilanz des Lehrstellenmarkts. "Die Corona-Auswirkungen auf den Ausbildungsmarkt sind deutlich sichtbar", sagt er. Es habe aber auch schon vor der Pandemie deutlich weniger Lehrstellenangebote und Bewerber gegeben. Bis September boten die Unternehmen 510 000 betriebliche Ausbildungsstellen an, knapp zehn Prozent weniger als im Jahr zuvor. Ende September waren noch 30 000 Bewerber unversorgt. "Bewerberinnen und Bewerber sollten nicht aufgeben, sich weiter bewerben und sich dabei auch für Ausbildungsberufe jenseits ihres Traumberufes öffnen", sagte Scheele.

© SZ/vit
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