Im Sommer steigt die Arbeitslosigkeit meist, das ist keine große Nachricht. Doch im Juli haben die Zahlen wieder eine Schwelle überschritten, die für Aufmerksamkeit sorgt: Die Bundesagentur für Arbeit (BA) registrierte mehr als drei Millionen Arbeitslose. Das ist bemerkenswert, weil es nach der Massenarbeitslosigkeit der 2000er-Jahre mit teils fünf Millionen Arbeitslosen lange Zeit gelungen war, die Arbeitslosenzahl unter drei Millionen zu halten. Damit ist es nun schon eine Weile wieder vorbei.
„Am Arbeitsmarkt setzt sich die schwache Entwicklung der vergangenen Monate fort“, sagt BA-Vorstandsmitglied Daniel Terzenbach. „Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung nehmen vor allem aus jahreszeitlichen Gründen im Juli spürbar zu.“ Unternehmen stellen in der Urlaubssaison gewöhnlich keine neuen Leute ein, sodass der Stellenabbau voll in den Daten durchschlägt. Die Arbeitslosenzahl stieg um deutliche 71 000 auf 3,007 Millionen. Aber auch wenn man die jahreszeitlichen Effekte herausrechnet, gibt es noch einen Anstieg. Das deutet auf die Probleme hin, die es seit Längerem am deutschen Arbeitsmarkt gibt.
Die deutsche Wirtschaft ist seit dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022, der eine massive Inflationswelle auslöste, kaum noch gewachsen. Die traditionell exportstarke Industrie steht gleich mehrfach unter Druck: durch höhere Energiepreise, Donald Trumps Zölle und die aggressive Expansion chinesischer Unternehmen. Die Industrie baut aktuell jeden Monat rund 15 000 Arbeitsplätze ab – und Besserung ist kaum in Sicht. Dienstleistungsbranchen fangen diesen Stellenabbau inzwischen kaum noch auf.
„Die Arbeitslosigkeit steigt seit vier Jahren“, erklärt Enzo Weber, Leiter Prognosen und Analysen beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Lange Zeit habe es trotzdem noch einen positiven Beschäftigungsausblick gegeben. „Angesichts von Wirtschaftskrise und demografischer Schrumpfung reicht es dafür mittlerweile nicht mehr“, so Weber. Die Frühindikatoren des IAB, die die weitere Entwicklung am Arbeitsmarkt vorempfinden, liegen deutlich unter der neutralen Marke. Das spricht für keine gute Perspektive.
Die Erwartungen der Ökonomen für 2026? Nur ein halbes Prozent Wachstum
Aktuell drückt die wirtschaftliche Lage auf die Jobsituation. Der israelisch-amerikanische Angriff auf Iran Ende Februar hat Öl und Gas deutlich verteuert. Zwar ist die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal von April bis Juli noch leicht gewachsen. Die Umsätze der Industrie stiegen, und das vor allem im schwierigen Auslandsgeschäft. Doch je länger der Krieg andauert, desto mehr Schaden richten höhere Energiepreise und Lieferkettenprobleme in der Wirtschaft an.
Konjunkturforscher erwarten dieses Jahr nur noch ein Wachstum der deutschen Wirtschaft von etwa einem halben Prozent. Diese Prognosen basieren aber auf der Annahme, dass sich der Konflikt im Nahen Osten im zweiten Halbjahr beruhigt. Danach sieht es allerdings derzeit nicht aus. US-Präsident Trump und die Machthaber in Teheran können sich bisher nicht auf einen dauerhaften Friedensschluss einigen. „Die jüngste Eskalation in Nahost mit neuen Ölpreisanstiegen stellt eine zusätzliche Belastung für den Arbeitsmarkt dar“, warnt Ökonom Weber. Seit mehreren Wochen ist der Konflikt wieder deutlich aufgeflammt.
Was die Beschäftigung angeht, wirkt sich zudem die Alterung der Gesellschaft aus. Es verlassen mehr Beschäftigte den Arbeitsmarkt als Berufsanfänger starten. Dadurch fehlen teilweise Arbeitskräfte. Und die Unternehmen haben weniger Auswahl als sonst. Gleichzeitig spüren Berufsanfänger, dass die Unternehmen bestimmte Tätigkeiten zunehmend durch digitale Anwendungen und vor allem künstliche Intelligenz ausführen lassen und deshalb mit Neueinstellungen zögern.
Etwas Hoffnung kommt von Beschäftigungsumfragen des Münchner Ifo-Instituts. Demnach planen die Unternehmen, etwas weniger Stellen abzubauen. Hersteller von Datenverarbeitungsgeräten sowie elektronischen und optischen Erzeugnissen wollten ihre Beschäftigung sogar ausweiten. Positive Nachrichten kommen ansonsten nur von Einzelbranchen wie Steuerberatern und Anwälten, die mehr Personal einstellen. „Der Arbeitsmarkt stabilisiert sich etwas, bleibt aber in schwierigem Fahrwasser“, sagt Ifo-Forscher Klaus Wohlrabe. „Für eine Trendwende braucht es noch mehr wirtschaftliche Dynamik.“

