Arbeitsbedingungen:Sklaverei ist modern

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A prostitute waits for customers along a road of the Bois de Boulogne in Paris

Manche Prostituierte werden zur Arbeit gezwungen.

(Foto: Christian Hartmann/Reuters)

Mehr Menschen als je zuvor, 45,8 Millionen, müssen einer Studie zufolge weltweit in Gefangenschaft oder Abhängigkeit arbeiten.

Von Friedemann Karig

"Wer von euch will nach Hause?" Die ausgemergelten Männer heben ihre Arme. Monate- und jahrelang wurden die myanmarischen Fischer auf hoher See festgehalten. Ohne frisches Wasser und Essen, ohne Lohn und ohne Ausweg. Ihr Leben auf dem Schiff: Arbeit ohne Pausen, brutale Strafen, Gefangenschaft in Käfigen. Als indonesische Beamte sie im April 2015 befreien, wollen sie alle nur eines: nach Hause.

Moderne Sklaven wie sie gibt es dem Global Slavery Index 2016 zufolge weltweit 45,8 Millionen. Egal ob ausgebeutete Hilfsarbeiter wie die Myanmaren, vom IS entführte jesidische Frauen oder Prostituierte in westeuropäischen Metropolen, eines haben diese modernen Sklaven gemeinsam: Sie können nicht weg. Man hat ihnen ihre Pässe weggenommen, sie oder ihre Familien bedroht, sie in Abhängigkeit gezwungen. "Wir fassen das unter dem Begriff 'moderne Sklaverei' zusammen, weil all diese Menschen letztlich behandelt werden wie Tiere auf einer Farm", sagt Andrew Forrest. Der australische Milliardär, der sein Vermögen ausgerechnet mit Bergbau machte, gründete 2012 gemeinsam mit seiner Frau Nicola Forrest und Tochter Grace die Walk Free Foundation. Sie gibt den Index heraus. Minen-Magnat Forrest wollte zuerst seine "eigene Weste weiß halten". Also forschte er bei seinen Zulieferern und Geschäftspartnern nach. Er fand im Mittleren Osten riesige Sweatshops, in denen Tausende südindische Arbeiter unter den schlimmsten Bedingungen lebten. Die Sterblichkeit lag bei 20 Prozent. Viele von ihnen überlebten nur wenige Jahre dort. "Da merkte ich ganz persönlich, wie groß das Problem ist", sagt Forrest. "Bill Gates riet mir einmal: 'Wenn du ein Problem nicht messen kannst, existiert es nicht'." Das macht nun der Global Slavery Index, der 2013 erstmals erschien.

Heute ist das Problem eher größer geworden. Mehr Menschen als je zuvor, so die Studie, leben in Sklaverei. Mehr als die Hälfte davon in China, Indien, Pakistan, Bangladesch und Usbekistan. Und das, obwohl weltweit - außer in Nordkorea - Sklaverei verboten ist. "Viele Länder haben mehr als genug Gesetze dagegen", sagt Forrest, "aber ich habe solche Praktiken von Portugal bis Dubai erlebt." Viele Länder täten sich schwer mit der Verfolgung von Missbrauch und Menschenhandel, da billige Arbeitskraft die Grundlage ihrer Wirtschaft bildet. Dennoch schade Sklaverei einer Volkswirtschaft mehr, als sie nutze, sagt Forrest: "Abgesehen davon, dass die Ausgebeuteten zutiefst deprimierte, bemitleidenswerte Existenzen sind, tragen sie auch nichts zu einer prosperierenden Wirtschaft bei." So wurde Chinas rasantes Wachstum erst möglich, als das Regime den Menschen erlaubte, ihre eigenen Interessen zu verfolgen.

Um Licht in diese Schattenwirtschaft bringen zu können, führten die Forscher um Studienleiterin Fiona Davis mehr als 40 000 persönliche Interviews in 50 Sprachen. Unterstützt von Gallup, einem der führenden Institute für Markt- und Meinungsforschung, sammelten sie belastbare Daten für 44 Prozent der Weltbevölkerung. Die andere Hälfte wurde mit einem mathematischen Modell geschätzt. Die statistischen Abweichungen betragen bei solchen Schätzungen laut Davis weniger als ein Prozent. "Nachdem es 2014 noch Kritik an dieser notwendigen Extrapolation gibt, haben wir entscheidend nachgebessert", so Davis.

Trotz der steigenden Zahlen bleibt Andrew Forrest optimistisch, das Ende der Sklaverei noch zu erleben. "Die Sklaventreiber müssen verstehen, dass sie auf brennendem Boden stehen. Denn die Aufmerksamkeit weltweit wächst." Er hofft auf die Bereitschaft der Konsumenten, die Hersteller unter Druck zu setzen. Und er hofft auf die Politik. Wenn ein Land wie Deutschland so etwas wie den britischen "Modern Slavery Act" unterzeichne, eine Initiative gegen Menschenschmuggel, dann folgten sicher andere Länder, glaubt Forrest. "Zumal auch in Europa besonders Migranten aus dem Süden zunehmend gefährdet sind.

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