Arbeitsbedingungen bei Transportfirmen:Paketzusteller GLS wehrt sich gegen Wallraff-Bericht

Günter Wallraff hat sich "undercover" beim Paketzusteller GLS eingeschleust und skandalöse Arbeitsbedingungen geschildert. Jetzt wehrt sich das Unternehmen. "Einseitig und verkürzt" seien die Berichte des Journalisten. Für Branchenkenner hat die Ausbeutung der Fahrer jedoch System.

Der Paketzusteller GLS hat dem Journalisten Günter Wallraff nach dessen Kritik an den Arbeitsbedingungen von Zustellfahrern eine "einseitige und verkürzte Berichterstattung" vorgeworfen.

GLS verpflichte Transportfirmen "zur Beschäftigung von Fahrern in rechtskonformen, sozialversicherungspflichtigen Anstellungsverhältnissen", hieß es in einer Mitteilung. Man akzeptiere "keine despektierlichen Äußerungen über Subunternehmen und deren Fahrer in ihrem Unternehmen", entgegneten der Geschäftsführer von GLS Germany, Klaus Conrad, und Rico Back als Chef der GLS-Gruppe. Das Unternehmen sei "stolz auf unsere Transportunternehmer und deren Fahrer, die GLS im Außenverhältnis repräsentieren". Das Unternehmen mit Sitz in Amsterdam gehört in Deutschland zu den vier größten Paketlogistikern.

Wallraff hatte am Mittwochabend in einer vom Privatsender RTL ausgestrahlten Reportage über seine verdeckten Recherchen bei GLS als Paketbote berichtet. In einer am Donnerstag im neuen Zeit-Magazin veröffentlichten Reportage schrieb Wallraff dazu: "Was mir die Kollegen in dieser Zeit berichtet haben, welche Zerstörung an Leib und Seele diese Arbeit für sie gebracht hat - ich hatte geglaubt, so etwas gäbe es seit dem Frühkapitalismus nicht mehr."

Dumpinglöhne und überlange Arbeitszeiten

Arbeitszeiten von zwölf bis 14 Stunden seien in der Branche üblich, und das bei einem pauschalen Brutto-Festgehalt von 1200 und 1300 Euro, berichtete Wallraff. Überstunden würden nicht bezahlt, Pausen seien bei den langen Touren der Fahrer kaum möglich - obwohl die Verordnungen über Lenk- und Pausenzeiten für Kraftfahrer eigentlich eine Dreiviertelstunde Pause nach viereinhalb Stunden Lenkzeit vorschrieben.

Die Fahrer sind demnach nicht von GLS angestellt, sondern von Subunternehmern, mit denen der Konzern Auslieferungsverträge unterzeichne. So handhabten dies auch viele andere Paket- und Kurierdienste. Die Konzerne könnten damit viele Risiken auslagern. Den Fahrern werde geraten, das Fahrtenbuch nicht allzu ernst zu nehmen und die Fahrtzeiten zu schönen, berichtete Wallraff.

In der Paketbranche stießen die Vorwürfe Wallraffs auf ein geteiltes Echo. "Wir kennen die Probleme, die die Branche hier hat", sagte der Sprecher der Deutschen Post, Dirk Klasen. Im Bereich der Subunternehmer gebe es einen harten Wettbewerb. Trotz vieler Missstände in der Branche sei die Arbeit des Paketnetzwerks DHL aber auf einem "absolut vorzeigbaren Niveau", sagte Klasen. Bei der Fremdvergabe von Aufträgen seien letztlich die Subunternehmer dafür verantwortlich, ihre Fahrer angemessen zu entlohnen.

"In diesem System ist etwas nicht in Ordnung", sagte dagegen der Sprecher des Paketverbands Hermes, Thomas Voigt, in einer Diskussionsrunde mit Wallraff bei "Stern TV" am Mittwochabend. Voigt kündigte Verbesserungen für die Hermes-Paketfahrer an. "Wir sind bei Hermes grundlegend dabei, das ganze System umzubauen. Wir werden die Bezahlung pro Paket abschaffen und einen Stundenlohn einführen."

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