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Arbeitsbedingungen bei Discounter-Lieferanten:Hungerlöhne, sexuelle Belästigung, Drohungen

Es sollte doch alles besser werden: Die Discounter Aldi, Lidl und Kik hatten versprochen, die katastrophalen Arbeitsbedingungen in ihren Zulieferbetrieben zu verbessern. Aber in den Textilfabriken in Bangladesch hat sich bis heute wenig getan.

Karin Steinberger

Da stand sie also. Suma Sarker, Näherin aus Bangladesch, in ihrem glitzernden Salwar Kameez, Pluderhose, Oberteil, lange brauchte sie nicht, um sich in der grellen Neonlichtwelt des Kik-Discounters in Mannheim zurechtzufinden. Ihre Hände streiften über schwarze Hosen mit weißen Streifen, Hosen in Tarnfarben. Irgendwann fand sie die kleinen Kinderjeans mit lila und gelben Nähten. Sarker tastete die Hosentaschen ab, ihre Taschen, 60 bis 70 davon schafft sie in der Stunde. Für sie ist das Fließbandarbeit, unerträgliche Hitze, unbezahlte Überstunden. Sie schaute auf den Preiszettel und konnte es nicht glauben - 4,99 Euro. "Very cheap", sagte sie.

Rahela Akhter, a garment worker, tries to resist beating from the police during a protest in Dhaka

Ein Protest in Dhaka, Bangladesch - Näherinnen kämpfen um ihren Mindestlohn.

(Foto: REUTERS)

Das ist jetzt dreieinhalb Jahre her, die "Kampagne für Saubere Kleidung" (Clean Clothes Campaign, CCC) hatte Suma Sarker damals mit anderen Frauen nach Deutschland eingeladen. Sie sollten den Hosen ein Gesicht geben. Sie sollten zeigen, wer den Preis zahlt für Kleidungsstücke, die so billig sind, dass man sich schämen muss. In der dazugehörigen Studie von CCC stand, wie sich die Preis zusammensetzt: 50 Prozent Gewinn und Kosten des Einzelhandels, 25 Prozent Markenwerbung, 13 Prozent Fabrikkosten, 11 Prozent Transport und Steuern. Ein Prozent Lohnkosten.

Dreieinhalb Jahre. Jetzt hat die "Kampagne für Saubere Kleidung" eine neue Studie über die Arbeitsbedingungen bei Zulieferern von Aldi, Lidl und Kik in Bangladesch herausgebracht. Fazit: Es hat sich etwas getan, aber bei weitem nicht genug. Noch immer werden unbezahlte Überstunden verlangt, gearbeitet wird an sieben Tagen die Woche bis zu 16 Stunden täglich, Nachtarbeit ist Alltag. Urlaub? Kennt keiner. Mutterschutz? Kennen die meisten nicht. Wer krank ist, wird schikaniert, die meisten Fabriken werden bei Bränden zu tödlichen Fallen. Wie am 5. Dezember 2011, als zwei Menschen starben. Es war eine Zuliefererfirma von Zara, Gap und Tommy Hilfiger. Frauen werden schlechter bezahlt und sexuell belästigt. Wer in eine Gewerkschaft eintritt, dem wird offen gedroht - mit Kündigung oder Schlägen.

Und der Lohn liegt noch immer zwischen 27 und 51 Euro im Monat.

"Davon kann keiner leben", sagt Gisela Burckhardt von Femnet. Sie engagiert sich seit mehr als zehn Jahren bei CCC. Sie weiß, dass man hier anfangen muss, wenn man dort etwas ändern will. Sie weiß, dass die Frauen dort keine Wahl haben. Und dass Firmen hier vor nichts mehr Angst haben als vor einem schlechten Image. Deswegen hat CCC die Discounter wieder ins Visier genommen, hat nachgeschaut, was hinter den Lippenbekenntnissen zu Unternehmensverantwortung und Sozialbewusstsein wirklich steckt. Was zu halten ist von den CSR-Strategien (Corporate Social Responsibility), mit denen sie ihr Image aufpolieren.

2007 schlossen sich Lidl und Aldi der Business Social Compliance Initiative (BSCI) an. Aber es finde bei Aldi-Zulieferern keine unabhängige Kontrolle des Kodexes statt, so die Studie. Es könne keineswegs von einem "wirklichen Engagement zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen" gesprochen werden. Und Lidl schmückt sich mit zwei mobilen Krankenstationen, die von Fabrik zu Fabrik fahren. 25 000 Menschen seien behandelt worden, sagt Lidl. Dass die medizinische Betreuung darin besteht, den Frauen Vitamintabletten zu geben, damit die Mangelerscheinungen nicht bei der Arbeit stören, "das grenzt an Zynismus", sagt Burckhardt. "Mit anständigen Löhnen hätten sie genug zu essen."

Der Vorwurf bleibt: Schönfärberei

Es sei die gleiche Schönfärberei wie die von der Otto Gruppe 2009 öffentlichwirksam angekündigte "Fabrik der Zukunft", die man zusammen mit Friedensnobelpreisträger Yunus aufbauen wollte. Burckhardt lacht und sagt: "Das ist doch der Hammer. Die haben kurz vor Weihnachten mit einem Riesentamtam angekündigt, dass sie eine Vorzeigefabrik hinstellen werden. Und bis heute steht nichts, nichts." Dem Weihnachtsgeschäft hat das sicher nicht geschadet.

Damals tönte Otto großherzig, sich bei der Bezahlung an den gesetzlichen Rahmenbedingungen zu orientieren. Aber die Zulieferer wehren sich seit Jahren gegen den von Gewerkschaften geforderten Mindestlohn von 5000 Taka (47 Euro). Und der wäre immer noch weltweit der niedrigste. Es ist also kein Zufall, dass Bangladesch mit seinen 4000 bis 5000 Fabriken Indien als zweitgrößten Strickwarenexporteur der Welt überholt hat. Sie sind jetzt Nummer zwei nach China. Eine Jeans aus China kostete im Jahr 2008 durchschnittlich 6,93 Euro, eine aus Bangladesch 4,72 Euro. Sie sind so billig, dass immer mehr Firmen aus China abziehen, wo die Arbeiter immer renitenter werden - und teurer.

Wer ist schuld? Der Verbraucher, der Geiz-ist-geil-Kult? Fabrikbesitzer, die das eigene Volk aussaugen? Discounter, die immer weniger zahlen? Politiker, die Firmen nicht in die Pflicht nimmt?

Burckhardt überlegt. Na ja, der Verbraucher. Woher soll er es wissen, ohne Transparenz. Wenn auf den Labels stehen würde: Diese Ware wurde unter unmenschlichen Bedingungen hergestellt. Vielleicht würde das etwas verändern.

© SZ vom 11.01.2012/bürk
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