Integration von Asylsuchenden Mit Camara liest die Ausbilderin erst mal ein Kinderbuch

Unterstützung erhält er vom Münchner Verband "In Via", der Flüchtlinge in Betriebe vermittelt und Nachhilfe organisiert. "In Via" vermittelt auch Camara eine Lehrstelle, als Verkäufer. Doch bevor er selbst hinter die Theke darf, ist er anfangs jeden Abend bei "In Via" und lernt. Denn seine Sprachkenntnisse reichen zunächst für Bestellungen der Kunden nicht aus. Damals, erinnert sich seine Ausbilderin Heike Stegmann, weiß er nicht einmal, was das Wort "Weizen" bedeutet. Normalerweise hätte Stegmann einem Auszubildenden zügig erklärt, wie er mit Kunden umgehen muss, wo er welches Brot einsortiert, was wie viel kostet oder wie viel Butter auf die Schinkensemmel kommt.

Mit Omar Camara liest Heike Stegmann erst mal ein Kinderbuch: "Ein Frauchen für Herrn Roger", die Hauptrolle spielt ein Hund. Camara liest die einfachen Sätze, Stegmann erklärt, wie man den Mund für das W formt, wie in "Weizen".

Die Sprache ist nur das erste von vielen Hindernissen - sie ist eng verknüpft mit einem Thema, das im Zusammenhang von Arbeitsmarktintegration und Flüchtlingen stets genannt wird: Bürokratie.

Als Hosein Hoseini 2011 aus Iran nach Deutschland flieht, hat er keine acht Jahre Schule hinter sich, in seiner Heimat hat er als Schuhmacher und Schneider gearbeitet. Bis er in Deutschland ein Praktikum beim Schuhmacher absolvieren kann und feststellt, dass das nicht sein Ziel ist, vergehen eineinhalb Jahre. So läuft das oft, sagt Christian Pfeffer-Hoffmann vom Bundesförderprogramm "Integration durch Qualifizierung". Bis geklärt werde, ob sie arbeiten dürfen oder einen Sprachkurs bekämen, säßen Asylbewerber viel zu lange in Heimen herum und vergäßen Stück für Stück ihr Fachwissen.

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Kommentar
Flüchtlinge

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Wenn junge Menschen herkommen, greift für sie eine komplexe Mischung aus Arbeitsrecht, Asylrecht und je nach Bundesland unterschiedlicher Bildungspolitik. Zwar hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan. Aber nach wie vor gibt es ein Arbeitsverbot bis zu sechs Monate. Wenn ihr Bleiberechtsstatus nicht geklärt ist, brauchen sie, zumindest in den ersten vier Jahren, eine Arbeitserlaubnis. Die ersten 15 Monate wird bei jedem Job geprüft, ob nicht auch ein EU-Bürger ihn machen könnte. Beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) ist die Rede vom "Nadelöhr 'Ausländerbehörde'". Das hat auch zu tun mit der Menge der Ankommenden: "Überforderte Behörden bremsen das Verfahren oft um Monate ab", sagt Alexander Legowski vom ZDH. Das Ergebnis ist ein Dschungel, aus dem man gelegentlich nur mit Chuzpe herausfindet.

Dass Hoseini heute Azubi bei Bäckermeister Grundner ist, verdankt er einem beherzten Gesetzesbruch seines Chefs. Grundner lässt potenzielle Azubis Probe arbeiten, um sicherzugehen, dass sie ein "Gefühl für den Teig" mitbringen, wie er sagt. Als Hoseini 2013 das einwöchige Praktikum antreten soll, dürfen Flüchtlinge aber nur eine Hospitation machen. Der Unterschied: Beim Praktikum darf der Lehrlingsanwärter Teig selbst kneten, bei der Hospitation nur zuschauen. "Ich habe damals beim Ministerium angerufen und denen gesagt, wir werden den Hosein ab Montag Probe arbeiten lassen", erzählt Hoseinis Mentor, "sollen sie halt die Polizei rufen, wenn es ihnen nicht passt".

Es ist solch eine von Optimismus geprägte Pragmatik, die mittlerweile den Alltag vieler Handwerksbetriebe prägt. Die formalen Probleme, fehlende Abschlüsse und Sprache, sind oft nur die erste, schwere Tür - hinter der verbirgt sich ein schwieriger Pfad in eine ungewisse Zukunft, er führt entlang an Traumata und ist geprägt durch inneren und äußeren Druck. Die konkreten Probleme treffen jeden Geflohenen, und auch wenn Dimension und Form variieren, eines haben alle Betroffenen gemeinsam: Sie sprechen lieber nicht darüber - aus Angst, die Arbeit zu verlieren, Zurückhaltung, oder schlicht, weil sie es nicht gewohnt sind, ihre Befindlichkeiten zu thematisieren. Ob er Schwierigkeiten bei der Arbeit habe? "Alles gut", sagt Camara und schaut zu Ausbilderin Stegmann. Die nickt ihm aufmunternd zu.

Die Angst vor der Abschiebung ist ein permanenter Begleiter

Aber natürlich gibt es Probleme, und sie fangen im Kleinen an. Camara hat anfangs sein angebissenes Croissant auf den Teller von Kollegen gelegt oder mal von deren Teller gegessen, ohne zu fragen. "Das ist hier anders, das machen wir nur in der Familie", muss Stegmann in solchen Momenten erklären. Omar sagt dann: "stimmt". Es klingt nicht wie "schtimmt", sondern wie "s-timmt". Stegmann grinst dann.

Ein passendes Wort, dieses "stimmt", denn noch etwas haben sie alle gemeinsam, Camara, Hoseini und viele andere, davon berichten Meister, Ausbildungsbeauftragte und Ehrenamtliche: Ehrgeiz. Fast schon verbissen ist auch Camara am Anfang, alles will er auf einmal und schnell lernen. "Ich musste ihn erst mal stoppen", sagt Stegmann. Dabei versteht sie seinen Eifer: Die Ausbildung ist im wahrsten Sinne des Wortes Camaras einzige Chance. Er ist in Deutschland geduldet, er muss ständig die Abschiebung befürchten.

Die Ausbildung ist für die Behörden ein Argument, dass er bleiben darf. Und für Camara ist es der Plan, die Struktur in seinem Leben, an die er sich klammert: Die Endprüfung bestehen, arbeiten, ein normales Leben führen.

Doch wie es oft so ist mit großen Plänen: Je größer der Wunsch, desto größer der Druck. Nicht nur bei Camara. Die meisten Flüchtlinge sind sehr motiviert, sagt Manuel Mosler vom Verband "In Via". Gleichzeitig ist die Unsicherheit enorm: Sie wissen oft nicht, ob sie in Deutschland eine Zukunft haben. Immer wieder bekommen sie Schreiben, die sie entweder schwer verstehen oder bearbeiten müssen. Die Angst vor der Abschiebung ist ihr permanenter Begleiter. Aus gutem Grund. Mosler kennt Beispiele, in denen genau solche Szenarien eingetreten sind: Ein Flüchtling etwa bekam wenige Tage vor der Abschlussprüfung die Nachricht, er solle Deutschland verlassen. "Er hat Panik bekommen, dass er abgeschoben wird", sagt Mosler, "bei einer Duldung kann auch unsere Beratung nicht immer beruhigen." Der junge Mann ist durch die Prüfung gefallen.

Nicht nur die Angst vor Abschiebung belastet die ohnehin anstrengende Ausbildungszeit, sondern auch die Erfahrungen, die in Krisengebieten zu Hause und während der Flucht entstanden sind. Die jungen Menschen haben erlebt, was Europäer nur aus dem Fernsehen kennen, einige leiden an Schlaflosigkeit, oft auch an posttraumatischen Belastungsstörungen, Depressionen. Wo schon Deutschkurse fehlen, ist der strukturierte Umgang mit solchen Schwierigkeiten gar nicht erst vorgesehen - mit entsprechenden Folgen.

"Wer nicht schläft und bei der Arbeit alles gibt, klappt irgendwann zusammen", sagt Mosler. Er kennt Flüchtlinge, die einen Hörsturz hatten oder plötzlich nichts mehr sehen konnten. Arbeitgeber brauchen also Feingefühl, um einzuordnen, wenn Flüchtlinge ängstlich oder wütend werden, wenn sie sich nicht konzentrieren können und abschalten - gerade für kleine Betriebe eine große Herausforderung.

Auch Camara hat Dinge erlebt, über die er, wie viele Flüchtlinge, nicht sprechen will. In seinem freundlichen und offenen Gesicht sind zwar weder Angst noch Ungewissheit, Einsamkeit oder Heimweh abzulesen. Aber wer nachfragt, erfährt: "Ich habe immer Angst vor der Abschiebung." Oder: "Ich vermisse meine Eltern und Freunde sehr."

Zu hohem Druck, Traumata und Sprachbarriere kommt: Viele Flüchtlinge haben keine Familie, niemanden, mit dem sie darüber sprechen, dass sie nachts nicht schlafen können, ihr Chef einen für sie ungewohnt direkten Tonfall hat oder es schwierig ist, am muslimischen Opferfest freizunehmen. Deswegen fragt Mosler nach, hört zu, versucht, zu helfen.