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Arbeit auf Offshore-Windkraftwerken:Wiechmann muss springen

Offshore-Windpark

Idyllisch in der Morgensonne, gefährlich bei Sturm und Regen: Die Arbeit in den Windparks vor der Nordsee erfordert spezielles Training.

(Foto: Ingo Wagner/dpa)

Sturm, Gewitter und schwere See auf Knopfdruck: In einer Trainingsanlage in Bremerhaven üben Ingenieure und Mechaniker das Überleben auf hoher See. Sie trainieren für die Arbeit auf den Offshore-Windkraftanlagen, die vor Deutschlands Küsten entstehen. Ihre künftigen Jobs sind sehr gefährlich - und Hilfe im Ernstfall weit weg.

Mit dieser Reportage hat Sebatian Kempkens den dritten Platz beim jj-Reportagepreis 2013 gewonnen, den Süddeutsche.de mit dem Netzwerk Jungejournalisten.de und der Böll-Stiftung ausgelobt hat. Mehr zum Autor und zum Preis am Ende des Textes.

Wiechmann hätte nicht gedacht, dass es so schlimm kommen würde. Klar, er kannte die Geschichten seiner Männer, und klar, er würde ordentlich Wasser schlucken. Ein Kollege war ja gar nicht erst mitgekommen, weil er nicht gut schwimmen kann. Wiechmann ist trotzdem hingefahren, er hat Lust auf Offshore, Lust auf Windenergie weit draußen auf dem Meer. Aber das hier, diesen Weltuntergang, hat er nicht erwartet.

Jetzt steht er da in seinem roten Sicherheitsanzug, in dreieinhalb Metern Höhe. Eine Schwimmweste schnürt ihm den Atem ab, der Sturm schlägt Regentropfen in sein Gesicht, es ist finster, er sieht kaum etwas. Eine Sirene heult, heftige Donnerschläge brechen herab und immer wieder rattern die Rotorblätter eines Rettungshubschraubers durch die Dunkelheit. Aber Hilfe ist noch nicht in Sicht. Es bleibt ihm nichts übrig, Wiechmann muss da jetzt allein durch. Als der nächste Blitz einschlägt und alles für einen Moment erhellt, springt er in die Tiefe.

Jens Wiechmann, Bauleiter einer Montagefirma, 41 Jahre alt, verheiratet, zwei Söhne, landet in einem Pool in Bremerhaven. Der Ausnahmezustand ist eine Simulation, Teil eines Überlebenstrainings in einem Schulungszentrum für Offshore-Arbeiter. Jeder, der auf einer Windanlage weit draußen in der deutschen Nord- oder Ostsee arbeiten will, muss so einen Kurs durchlaufen.

Licht an, Wellen aus, Wind aus, Regen aus

Deshalb ist Wiechmann hier, gemeinsam mit neun anderen Männern, und lässt sich von Andreas Carstens, dem Sicherheitstrainer, anbrüllen: "Los jetzt, alle in den Huddle." Carstens, ein breitschultriger Mann mit mächtigen Händen, steht am Beckenrand. Mit einer Taschenlampe wirft er Lichtkegel auf die Köpfe im Wasser. "Nur zusammen könnt ihr da draußen überleben!", schreit er. Mühsam kämpft sich Wiechmann durch die Wellen ans andere Ende des Pools. Dort sammeln sich die Männer und bilden einen engen Kreis, den Huddle, bei dem sie sich gegenseitig unterhaken und im Wasser stabilisieren.

Wenig später legt Carstens ein paar Schalter um. Licht an, Wellen aus, Wind aus, Regen aus - und der Spuk ist erstmal vorbei. "Kaffeepause", ruft er und zehn triefnasse Gestalten ziehen sich aus einem Pool, der bei Licht betrachtet nicht größer als ein Tennisfeld ist. Hier, in der Trainingshalle für "Sea Survival", vermittelt Carstens zukünftigen Offshore-Arbeitern die Grundlagen für Notfälle auf hoher See: Wie springe ich bei Bränden am besten ins Wasser? Wie schaffe ich es, einen Hubschrauberpiloten auf mich aufmerksam zu machen? Wie lasse ich mich dann von einem Helikopter aus dem Wasser ziehen?

Die Männer in der Halle sind Taucher, Techniker und Ingenieure, die meisten von ihnen arbeiten wie Wiechmann in der Windindustrie. Das Geschäft mit Windenergie weit draußen auf dem Meer boomt. Wiechmann, der erschöpft auf die Erde starrt, keinen Kaffee trinkt, keinen Kuchen isst, weiß das. Auch seine Firma profitiert von der Energiewende. Das Unternehmen hat umgestellt, neben der Montage konventioneller Schaltanlagen setzt es jetzt auf Windenergie. Für den Windpark Riffgat, 15 Kilometer vor Borkum, haben Wiechmann und seine Männer die "Transition Pieces" gebaut - gelbe, 60 Meter hohe Röhren, auf die die Türme mit den Rotorblättern gestellt werden.