ArabesqueMäßiger Erfolg, mächtige Freunde

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Vorne ist alles grün - aber wie sieht es hinter der Fassade aus? Das auf Nachhaltigkeit spezialisierte Frankfurter Fintech Arabesque wirft da einige Fragen auf.
Vorne ist alles grün - aber wie sieht es hinter der Fassade aus? Das auf Nachhaltigkeit spezialisierte Frankfurter Fintech Arabesque wirft da einige Fragen auf. (Foto: Bloomberg Creative Photos/Bloomberg Creative)

Das Geschäft beim Fintech Arabesque läuft eher schleppend, trotzdem hat die halbe Frankfurter Finanzelite hier investiert - mit dem Geld ihrer Aktionäre.

Von Meike Schreiber, Frankfurt

Neun Millionen Euro - in der Frankfurter Bankenszene ist das erst mal nicht viel. Hier rechnet man in Milliarden. Wenn es aber um eine Beteiligung an einem Jungunternehmen mit undurchsichtigem Geschäftsmodell geht, dann sind neun Millionen plötzlich doch eine ordentliche Summe. Und genau so viel hat der Vermögensverwalter DWS, eine Tochter der Deutschen Bank und selbst an der Börse, in das deutsch-britische Fintech Arabesque investiert. Fragt sich nur: Warum?

Arabesque ist ein Faszinosum: Die Firma mit Niederlassungen unter anderem in Frankfurt und London hat bislang zwar wenig Erfolg im Geschäft, dafür umso mehr schillernde Partner. Alles bei dem Fintech, so scheint es zumindest nach außen, dreht sich ums Trendthema Nachhaltigkeit. Denn "Grün", das zieht offensichtlich: 2019 etwa steckte das hessische Wirtschaftsministerium zwei Millionen Euro an Steuergeld in die Firma, 15 weitere Millionen Euro kamen zusammen von der DWS, der Commerzbank, der Allianz und der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). Ein Konsortium wie ein Gütesigel.

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2013 als Fondsgesellschaft gegründet, gibt sich Arabesque heute als Spezialanbieter, vermarktet Daten zur Nachhaltigkeit von Unternehmen und hat offenbar ein Programm, das mit künstlicher Intelligenz (KI) Geld investieren soll. Nachhaltigkeit und künstliche Intelligenz, so heißt es wenig bescheiden auf der Webseite "verändern Investieren grundlegend".

Nicht nur Zahlen sind offenbar wichtig, sondern auch Beziehungen

Auffällig ist die Nähe zwischen DWS und Arabesque. DWS-Chef Asoka Wöhrmann trommelt gern öffentlich für Nachhaltigkeit und hat den höchsten Betrag in Arabesque gesteckt: insgesamt eben rund neun Millionen Euro. Vor wenigen Wochen brachten beide Firmen dann auch noch einen gemeinsamen Fonds an den Start, der Aktien per KI auswählen soll. Das Investment hat Wöhrmann intern stets heftig gegen Kritik verteidigt, sagen Insider. Sein Vorgänger Nicolas Moreau war nach SZ-Informationen noch gegen eine Beteiligung an Arabesque. Die hauseigenen Experten hatten davon abgeraten, weil sie von der Technologie nicht überzeugt waren, heißt es in Finanzkreisen. Nur rund ein Jahr später aber - nun unter Wöhrmanns Führung - sprachen sie sich plötzlich offenbar doch für das Investment aus. Die DWS investierte jedenfalls, erst zwei Millionen in die Datentochter von Arabesque, dann noch weitere sieben Millionen Euro in eine Tochter, die auf künstliche Intelligenz setzt.

Wie es zu dem Sinneswandel kam, dazu möchte sich die DWS nicht äußern. Nur so viel: Es habe unter Moreau keine vertiefte Buchprüfung bei Arabesque oder Töchtern der Firma gegeben, sagt ein Sprecher. Unter seinem Nachfolger Wöhrmann dagegen schon. Es hätten sich wichtige Details des Deals geändert, die Beteiligung sei dadurch attraktiver geworden, sagte ein Insider. Außerdem sei die Datentochter von Arabesque einer von sieben gleichrangigen Anbietern, die DWS für Nachhaltigkeitsbewertungen nutze.

DWS-Chef Asoka Wöhrmann kennt die entscheidenden Leute bei Arabesque gut.
DWS-Chef Asoka Wöhrmann kennt die entscheidenden Leute bei Arabesque gut. (Foto: ---/picture alliance/dpa)

Einiges allerdings spricht dafür, dass für die Verbindung zwischen DWS und Arabesque nicht nur die Zahlen, sondern auch die Beziehungen eine entscheidende Rolle gespielt haben könnten. Die persönlichen und personellen Verbindungen zwischen dem kleinen Fintech und dem großen Vermögensverwalter sind jedenfalls vielfältig: Arabesque-Chairman Georg Kell zum Beispiel, ehedem ein hochrangiger UN-Mann und Vertrauter von Ex-Generalsekretär Kofi Annan, sitzt seit vergangenem Herbst auch im neuen sechsköpfigen Nachhaltigkeitsbeirat der DWS, um "ihre ganzheitliche ESG-Strategie weiter voranzutreiben". Einen Interessenkonflikt sieht die DWS darin nicht, sagt ein Sprecher, der Beirat habe "keinen direkten Einfluss auf die operative Arbeit der DWS".

Auch kennt DWS-Chef Wöhrmann dem Vernehmen nach nicht nur Arabesque-Gründer und -Chef Omar Selim gut, sondern auch Daniel Wruck. Der Geschäftsmann mit besten Kontakten nach Saudi-Arabien taucht bei Arabesque zwar nirgends auf der Internetseite auf, weist sich auf Visitenkarten aber als "Partner" des Fintechs aus und gilt als enger Vertrauter Selims. In Frankfurt ist Wruck kein Unbekannter, wie die SZ zuletzt geschrieben hatte. Jahrelang beriet er etwa den Baukonzern Bilfinger - bis auffiel, dass er Rechnungen stellte, ohne dass die genaue Dienstleistung dafür klar wurde. Ein Warnzeichen für Korruption. Konkrete Vergehen konnten Wruck zwar nicht nachgewiesen werden, nach internen Untersuchungen warnten Bilfingers Compliance-Experten aber vor einer weiteren Zusammenarbeit.

Dass sich Wöhrmann und Wruck kennen, bestätigt die DWS - zwischen beiden Männern habe es aber nie Geschäftsbeziehungen gegeben, "direkt oder indirekt". Ob das stimmt, daran gibt es allerdings Zweifel. So gab es nach SZ-Informationen im Rahmen eines weiteren Joint Ventures mit der Deutschen Bank, wo Wöhrmann zuvor tätig war, sehr wohl geschäftliche Beziehungen zwischen Wruck und Wöhrmann. Arabesque selbst äußert sich nicht - und schickt stattdessen auf kritische Nachfragen zu Geschäft und Führungsmannschaft Drohschreiben von einem Medienanwalt, aus denen nicht zitiert werden darf.

Die Verbindung zwischen DWS und Arabesque wirft also zumindest Fragen auf. Und das, wo Wöhrmann so gern mit dem Schlagwort ESG wirbt, dem Dreiklang aus Umweltaspekten (Environment), sozialen Kriterien (Social) und den Regeln guter Unternehmensführung (Governance).

Auch die Helaba will alles gut geprüft haben

Bislang, so viel scheint zumindest klar, dürften DWS und die anderen Investoren von Arabesque noch nichts von ihrem Geld wiedergesehen haben. Das Fintech macht keinen Gewinn, zuletzt hat sich der Verlust der in London ansässigen Gruppe 2019 im Vergleich zum Vorjahr sogar auf annähernd 7,2 Millionen Pfund mehr als verdoppelt. Neuere Zahlen liegen bislang nicht vor.

Helaba-Chef Thomas Groß sagte am Donnerstag zur Beteiligung seiner Bank, man habe Arabesque seinerzeit intensiv geprüft und keine Bedenken gesehen. Man sei zwar dabei, sich das noch einmal anzuschauen. Derzeit aber gebe es keine Veranlassung, etwas zu ändern. Die Commerzbank-Tochter Commerz Real hingegen hat inzwischen Abstand genommen von ihrem Investment, wie die SZ zuletzt berichtete. Das Fintech habe sich nicht wie erhofft entwickelt, man suche deshalb einen Käufer für die Anteile, heißt es in Finanzkreisen.

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