Als das World Wide Web noch jung war, hofften viele, die neue Technologie würde mehr Demokratie und mehr Chancengleichheit bringen. Aber es kam, wie es immer kommt: Jede Technologie ist nur so gut, wie sie eingesetzt wird. So konnten sich große Plattformen bilden, und zum Wesen dieser Plattformen gehört es, dass Größe entscheidend ist. Es ergibt wenig Sinn, auf einem sozialen Netzwerk zu sein, das nur wenige nutzen. Es ist mühsam, sich für jedes Konsumgut einen neuen Anbieter im Netz zu suchen.
Dieser sogenannte Netzwerkeffekt erklärt, wieso zum Beispiel Facebook, Google oder Amazon ihre Dominanz ständig steigern können. Viele Kleinere müssen sich auf deren Regeln einlassen, wenn sie nicht alleine gegen die übermächtigen Riesen ankämpfen wollen. Wenn sie Glück haben, fahren sie damit ganz gut, wenn sie Pech haben, eher nicht. Die Plattform-Anbieter aber, sie verdienen immer. An den Gebühren, die sie verlangen, und an den Daten, die sie dabei sammeln.
38 Milliarden Dollar - so viel Gewinn haben Amazon, Google, Facebook und Apple allein im abgelaufenen Quartal gemacht. Die ersteren drei haben von der Corona-Krise profitiert, weil mehr Menschen im Netz bestellen, weil viele kleine Geschäfte versuchen, sich auf den Plattformen mit digitalen Angeboten über Wasser zu halten, weil mehr Online-Anzeigen geschaltet wurden.
Apple verdiente am Trend zu Home-Office und Unterricht zu Hause: die Verkäufe von Computern und iPads zogen an. Dennoch steht der Konzern unter Druck: Die verspätet präsentierten neuen iPhones müssen sich nun im vierten Quartal besonders gut verkaufen. Die Chancen dafür stehen aber nicht schlecht, da sie erstmals in den neuen 5G-Netzen funken.
Dass die Anleger insgesamt dennoch eher enttäuscht waren, könnte ein Hinweis darauf sein, dass das Vertrauen in die himmelhohen Bewertungen der großen Tech-Konzerne allmählich schwindet. Tatsächlich kann man sich fragen, wie wahrscheinlich es ist, dass die Aktien weiter so steigen wie in den vergangenen Jahren. Jedes Wachstum endet irgendwann einmal.
Zudem zeichnet sich eine Entwicklung ab, die jene Grenze des Wachstums ein gutes Stück schneller heranrücken lassen könnte: Big Tech wird zunehmend mit Vorwürfen konfrontiert, seine Macht zu missbrauchen. Es drohen kartellrechtliche Untersuchungen - im Fall von Google wurden sie bereits eingeleitet -, und zwar in den USA, wo alle vier ihren Hauptsitz haben. Das macht die Sache besonders, denn dort war man in der Vergangenheit ja eher lax in diesen Dingen. Wenn sich das nun ändert, könnte das den Konzernen erheblich mehr zusetzen als die Nadelstiche der EU.
Fällig ist das längst. Zwar sollte kein Unternehmen für seinen Erfolg bestraft werden. Allerdings müssen die Behörden darauf achten, wie er zustande kommt. Anders gesagt: ob die Konzerne ihre Macht nicht missbrauchen. Verdachtsmomente dafür gibt es genug. Da ist die Praxis von Apple und Google, an der Arbeit anderer in ihren App-Stores erheblich mitzuverdienen, da ist Amazons Herrschaft über seinen Marktplatz, da ist Facebooks Dominanz mit gleich drei äußerst populären Netzwerken und Diensten: Whatsapp, Instagram und Facebook selbst, dazu die Unfähigkeit des Konzerns, Falschnachrichten und Hassrede wirkungsvoll zu unterbinden.
Facebook-Chef Zuckerberg hat es ja selbst gesagt - auch wenn er das mit der Absicht tat, die Bedingungen dann mehr oder weniger selber festlegen zu können: Die Gesellschaft muss die Regeln setzen. Das funktioniert am besten, wenn darüber in möglichst vielen Ländern Einigkeit herrschte. Wenn etwa die USA und die EU sich in den Kernpunkten einig wären, könnten sich die Konzerne dagegen nicht sperren. Dass dies auch in der Steuerpolitik geschieht, wäre ebenso wünschenswert, ist aber noch um einiges unwahrscheinlicher.