bedeckt München 14°

Apple:Geheimsache iPod

Der iPod revolutionierte Anfang der 2000er die Art, wie Menschen Musik hören. Aber es gab noch andere Pläne.

(Foto: Reuters)

Die US-Regierung durfte bei Apple mysteriöse Features einbauen, wie nun ein ehemaliger Ingenieur des Tech-Konzerns verraten hat.

Von Jannis Brühl

Ende 2005 war die Revolution des Musikhörens durch den iPod in vollem Gange. Auch Videos ließen sich jetzt auf den tragbaren Geräten schauen, deren rechteckige Form vom Transistorradio des Braun-Designers Dieter Rams inspiriert war. Während auf den Straßen die charakteristischen weißen Kabel in immer mehr Ohren verschwanden, nisteten sich zwei rätselhafte Gestalten in den kalifornischen Büros von Apple ein, in dem das iPod-Team arbeitete. Und der damalige Apple-Ingenieur David Shayer erhielt einen diskreten Auftrag: Er solle sich um die beiden Fremden kümmern, die sich Paul und Matthew nannten.

Shayer musste sie mangels Zutrittskarte nicht nur jeden Morgen an der Sicherheitsschleuse abholen. Er sollte sie mit technischen Tipps und Programmcode auf einer DVD versorgen, damit sie einen speziellen iPod bauen konnten. 15 Jahre später hat Shayer ausgepackt. Auf dem Online-Portal Tidbits, das sich auf Berichterstattung zu Apple spezialisiert hat, erzählt er die Geschichte einer bislang unbekannten Geheimoperation im Inneren des Technologie-Konzerns.

Paul und Matthew arbeiteten demnach für den Dienstleister Bechtel und waren vom US-Energieministerium beauftragt. Sie bastelten an einem geheimen iPod mit zusätzlichem, unsichtbarem Speicherplatz, auf den normale Benutzer nicht zugreifen sollten. In dem sollten unbemerkt Daten erfasst werden. Ein geheimes Feature, exklusiv für die Regierung. Vertrag oder Bezahlung habe es nicht gegeben, schreibt Shayer. "Apple hat dem Energieministerium unter der Hand einen Gefallen getan."

Eine Theorie ist, dass der iPod zum Abhörgerät umgebaut werden sollte

Aber wofür schraubten die mysteriösen Gäste mindestens ein Dutzend iPods auf und bauten sie um? Sie sagten es Shayer nie, er hat aber eine Theorie: Das Energieministerium, das auch für die Sicherheit von Nuklearwaffen zuständig ist, wollte einen Geigerzähler im iPod verstecken. Seine Agenten hätten so im Alltag unauffällig nach gestohlenem Uran oder Labors für dreckige Bomben suchen können, es war die Zeit großer Anti-Terror-Budgets nach dem 11. September. Eine weitere Theorie ist, dass der iPod zum Abhörgerät umgebaut werden sollte.

Nur vier Personen bei Apple hätten von dem Projekt gewusst, schreibt Shayer. Ob der damalige Firmenchef Steve Jobs involviert war, ist unklar. Auf SZ-Anfrage reagierte Shayer nicht. Apple dementiert Shayers Aussagen nicht, ein Sprecher schreibt nur: "Kein Kommentar." Shayers damaliger Vorgesetzter Tony Fadell, der "Vater des iPod", bestätigte die Geschichte und spricht von "crazysupercooler Technologie, an der die Regierung damals arbeitete". Ob es tatsächlich um einen Geigerzähler ging, verrät er nicht: "Diese Geheimnisse werden geheim bleiben."

Es wäre nicht der erste Fall, in dem Regierungen direkt an Technologieherstellern andocken, um sie für ihre Sicherheitspolitik einzuspannen. Manchmal gehen sie so weit, die Sicherheit von Produkten zu schwächen, die dann auch auf dem Markt verkauft werden. In den Neunzigerjahren versuchten die USA, Telefonanbieter zu verpflichten, sogenannte Clipper Chips in Geräten zu verbauen. Über die sollte die NSA die als sicher angepriesenen Gespräche mithören können. Der Plan scheiterte am Protest von IT-Experten und Juristen. BND und CIA unterhielten Jahrzehnte lang das Tarnunternehmen Crypto AG in der Schweiz, das Verschlüsselungstechnik an Staaten verkaufte. Die beiden Geheimdienste hatten den Zugang, um sämtliche Kommunikation mitzuhören. Heute bezichtigt die US-Regierung China, über die Technik des Anbieters Huawei in westlichen Mobilfunknetzen spionieren zu wollen.

Was aus den geheimen iPods wurde, bleibt ein Geheimnis. Shayer jedenfalls hat die DVD mit dem Programmcode für die Agenten irgendwann beim Ausmisten in den Müll geworfen.

© SZ vom 22.08.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite