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Epic gegen Apple:Verliert Apple die Kontrolle über seine iPhones?

Fortnite graphic and Apple logo displayed in illustration

Zwei im Zwist: Der Elektronik-Konzern Apple und Epic Games, Hersteller des Spiels Fortnite.

(Foto: DADO RUVIC/REUTERS)

Der Fortnite-Entwickler Epic Games will vor Gericht durchsetzen, dass iPhones bald mehr wie Desktop-Computer funktionieren. Für Apple könnte das gefährlich werden.

Von Philipp Bovermann

Mancher würde wahrscheinlich behaupten, dass es ganz schnöde um Geld geht, um sehr viel Geld. Und um die Frage, ob das an der Börse derzeit wertvollste Unternehmen des Planeten seinen Reichtum darauf baut, dass es systematisch seine Marktmacht missbraucht. Im Prozess zwischen Apple und dem Gaming-Konzern Epic Games, der am Montag an einem kalifornischen Gericht begann, musste allerdings zunächst einmal ein Begriff erklärt werden, der andeuten sollte, worum es aus Sicht von Epic bei diesem Gerichtsstreit auch geht, um die Zukunft des Internets.

"Metaversum?", wandte sich ein Protokollschreiber hilfesuchend an Epic-Geschäftsführer Tim Sweeney, der als Zeuge vernommen wurde.

Den jugendlichen Fans von Epic Games Hitspiel "Fortnite", die sich als Zuschauer per Videocall in die Anhörung eingewählt hatten und, weil es nicht gelang, sie stumm zu schalten, mehr als zwanzig Minuten "Free Fortnite" skandierten, hätte man den Begriff wahrscheinlich nicht erklären müssen. Er stammt aus dem Science-Fiction-Roman "Snow Crash" von Neal Stephenson und steht im Kern von Epic Games Unternehmensstrategie, mehr als ein Computerspiel sein zu wollen: eine Verbindung zwischen verschiedenen Universen. In der Welt von Fortnite kann man gegeneinander spielen, aber inzwischen auch seine Freunde treffen und sich unterhalten. Konzerte finden dort statt, es gibt eine eigene Währung namens V-Bucks, um virtuelle Markenprodukte für seine Spielfigur zu kaufen - ein eigenes Wirtschaftssystem innerhalb des Spiels. Neben Epic hat auch Apple an dieser digitalen Ökonomie gut verdient. Bis zu jenem Tag im August, an dem der Games-Anbieter einen "Überfall", wie Apple es nun nennt, auf den App Store des iPhone-Herstellers begann.

Die Epic-Entwickler hatten ein Stückchen Programmcode in den App Store der iPhones geschmuggelt, ein eigenes Bezahlsystem direkt zwischen den Spielern und Epic Games. Eigentlich müssen Entwickler das Bezahlsystem von Apple verwenden und dafür bis zu 30 Prozent der Gelder abgeben, doch plötzlich war Apple außen vor. Der Konzern reagierte prompt und warf Fortnite kurzerhand aus dem App Store, machte also gewissermaßen von seinem Hausrecht Gebrauch. Nun streiten die beiden milliardenschweren Unternehmen darum, ob Apple das Recht dazu haben sollte. Oder ob auch andere Anbieter mit eigenen Bezahlsystemen, möglicherweise gar anderen App Stores Zugriff auf die iPhones haben sollten. Bislang lassen sich darauf nur Anwendungen installieren, die Apple über seinen App Store freigegeben hat, zu seinen Bedingungen. Auf Android-Handys kann man Googles Play-Store zwar umgehen, aber weil das nur wenige Nutzer tun, hat Epic auch Google verklagt.

Die Chef-Anwältin hat schon Microsofts Monopol zu Fall gebracht

Zum Prozessauftakt warf eine Epic-Anwältin Apple vor, einen "ummauerten Garten" errichtet zu haben, in dem die rund eine Milliarde iPhone-Nutzer nun ebenso eingeschlossen seien wie die App-Entwickler. Sie verglich Apple mit einem Autobauer, der bei jedem Mal Tanken 30 Prozent des Spritpreises kassiere. Apple hielt dagegen, die enge Kontrolle sei nötig, um zu verhindern, dass über ungeprüfte Apps Schadsoftware auf die iPhones gelangt. Für diese Dienstleistung, außerdem für das Bereitstellen von Entwicklertools, seien die Gebühren fair und nicht höher als etwa bei Herstellern von Spielekonsolen. Epic wolle sich lediglich davor drücken, für eine Leistung, die das Unternehmen nutze, zu bezahlen.

Der Gaming-Konzern hat sich für das Verfahren eine Unterstützerin geholt, die schon einmal einen Digitalmonopolisten bezwang. An der Spitze seines Anwaltsteams steht Christine Varney, die um die Jahrtausendwende das Unternehmen Netscape gegen Microsoft vertrat. Es ging damals um ähnliche Vorwürfe: Microsoft nutze die marktbeherrschende Stellung von Windows aus, indem es die Konkurrenz in seinem Betriebssystem systematisch klein halte und sich unfaire Vorteile verschaffe. Das Verfahren damals mündete darin, dass Microsoft die Kontrolle über Windows lockerte. Weshalb dort heute unterschiedliche Softwareanbieter und Browser nebeneinander existieren. Im Fall eines klaren Epic-Sieges würden Handys künftig wohl stärker so wie klassische Desktop-Computer funktionieren, auf denen sich Software ohne Vorsortierung und Kontrolle durch einen Store direkt installieren lässt.

Der Games-Konzern hat den Angriff auf Apple mit einer PR-Kampagne flankiert. An dem Tag, als er das in der Fortnite-App versteckte Bezahlsystem aktivierte, veröffentlichte er einen Videoclip, in dem er eine Szene aus George Orwells Dystopie "1984" zitierte. Apple spielt in einer grauen, düsteren Welt die Rolle des Bösewichts, der seine Untergebenen von einem großen Bildschirm aus den Jahrestag der "Direktiven zur Plattformvereinheitlichung" feiern lässt - bis eine bunte Fortnite-Figur den Bildschirm mit einem Einhorn-Stab zertrümmert.

Die Geschäftsstrategie, die Epic mit dem Prozess gegen Apple verfolgt, hat auch mit seinen "Metaversum"-Plänen zu tun. Damit es entsteht, sollen sich irgendwann virtuelle Universen unterschiedlicher Entwickler zusammenfügen. Die Nutzer sollen sich dazwischen bewegen können wie von einer Computerspielwelt zur nächsten - mit dem Unterschied, dass in diesen Welten nicht nur gespielt, sondern auch gewirtschaftet und gelebt wird. Bei dieser Reise durch das "Metaversum" sollen sie etwa einige Charakteristika ihrer virtuellen Figur oder ihren Kontostand in einer einheitlichen digitalen Währung behalten können. Epic will das technische Gerüst für diese miteinander verwobenen künstlichen Welten liefern. Sein Geschäftsmodell ist also langfristig darauf angewiesen, dass Unternehmen wie Facebook oder insbesondere Apple das Internet nicht in separate, geschlossene Ökosysteme unterteilen, die sie allein kontrollieren.

Erhebt das Justizministerium selbst Klage?

Der Gaming-Konzern erhält dabei Rückendeckung von der "Koalition für App-Fairness", in der sich, mit tatkräftiger Initiative von Epic, etwa 50 Unternehmen zusammengeschlossen haben, die Apps entwickeln. Ende April wurden sie im Justizausschuss des US-Senats angehört, der die Situation auf dem App-Markt ebenfalls kritisch beobachtet. Eine mögliche Konsequenz aus dem Streit zwischen Apple und Epic könnte sein, dass das US-Justizministerium, unabhängig vom Ausgang, selbst Anklage gegen Apple erhebt - so wie damals beim Microsoft-Kartellverfahren. Die Zuhörer sitzen bei diesem Prozess deshalb auch außerhalb des Gerichtssaals, im Kongress. Was möglicherweise erklärt, warum die Epic-Anwälte leicht verständliche Metaphern wie die des "ummauerten Gartens" benutzen, obwohl die Richterin ohne Geschworene entscheiden wird.

Die entscheidende Frage des Verfahrens wird lauten, welche Definition eines "Marktes" sich durchsetzt. Befindet sich Apple mit seinem App Store in einem Markt - oder ist der Store der Markt? Die EU hat sich in dieser Frage bereits positioniert: Ende vergangener Woche teilten die Wettbewerbshüter der europäischen Kommission ihre vorläufige Einschätzung mit, dass sie die Klage des Musikstreaming-Anbieters Spotify gegen Apple für berechtigt hielten. Apple missbrauche seine Marktmacht über den App Store, um seinen eigenen Musikstreaming-Dienst zu bevorzugen, so der Vorwurf.

© SZ
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