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Apple:Die fetten Jahre sind vorbei

Apple meldet fürs Weihnachtsquartal erneut Rekordzahlen, aber erwartet erstmals geringeres Wachstum. 2016 könnte das Jahr werden, in dem Google den Smartphone-Konzern als wertvollstes Unternehmen ablöst.

Der Typ mit der Flüsterstimme wirkte höchst interessiert. Er kam während einer Technikkonferenz zu der Couch, auf der ein Experte für Atomenergie saß und diskutierte mit ihm über Kernfusion. Und als ihn der Ingenieur nach 20 Minuten schließlich fragte, wer er denn sei, sagte er bloß: "Ich bin Larry Page." Sich die Zeit zu nehmen für solche Gespräche, ist nicht ungewöhnlich für den Chef des Unternehmens Alphabet. Alphabet, die Holding, zu der auch Google gehört, wurde eigens dafür ins Leben gerufen, Page und Mitgründer Sergej Brin mehr Freiheit abseits des Tagesgeschäfts zu verschaffen.

So viel Freiheit kann sich Tim Cook, der Chef des iPhone-Konzerns Apple, nur wünschen. Er steht vor einem Problem: 13 Jahre lang hat seine Firma, die er 2011 übernommen hat, jedes Quartal mehr Umsatz gemacht als im Jahr davor. Nun, 2016, erwartet Apple erstmals einen Rückgang. Und - in der Außenwirkung vermutlich noch gravierender - Apple könnte seinen Rang als wertvollstes Unternehmen der Welt verlieren. Ausgerechnet an Larry Pages Alphabet.

Der Börsenwert von Apple beträgt aktuell 554 Milliarden Dollar (509 Milliarden Euro), der von Alphabet 497 Milliarden Dollar (457 Milliarden Euro). 57 Milliarden Dollar - das ist viel Geld, aber solche Sprünge sind im Zeitalter der Internetunternehmen längst keine Seltenheit mehr - nach unten wie nach oben. Im ersten Quartal 2014, vor zwei Jahren also, war Google bloß 313 Milliarden Dollar schwer, und Apple wurde zu seinen bisher besten Zeiten, im Februar 2015, schon einmal mit 775 Milliarden Dollar bewertet.

The New Apple Inc. Store In Edinburgh

Dieses Logo kennt fast jeder: Viele Jahre lang hatte der Elektronikkonzern Apple seine Investoren mit rasend schnellem Wachstum verwöhnt - nun steht ihnen erstmals eine Delle bevor.

(Foto: Simon Dawson/Bloomberg)

Von der Apple Watch nennt der Konzern noch immer keine Verkaufszahlen

Während sich Apple nun aber eher auf ein abgeschwächtes Wachstum einstellen muss, zeigen die Tendenzen bei Alphabet nach oben. Oder eigentlich bei Google. Denn nach wie vor lebt der Gesamtkonzern zu etwa vier Fünfteln von den Einnahmen aus der Internetwerbung - ein Geschäft, bei dem Google weltweit klarer Marktführer ist. Die neuen Zahlen gibt es am Dienstagabend deutscher Zeit, sie dürften sehr gut ausfallen. Zwar gibt es auch immer Fragen, was Alphabet/Google denn mache werde, falls es mit der Werbung mal nicht mehr so gut laufe. Doch bisher hat der Konzern solche Bedenken stets mit neuen Rekordzahlen zerstreuen können.

Bei Apple aber sehen viele die starke Abhängigkeit vom iPhone, das etwa 60 Prozent der Umsätze ausmacht, als immer gefährlicher an. Dies auch deshalb, weil das meiste Wachstum bisher aus China kam. Sollte die Wirtschaft dort noch länger brauchen, um wieder in Schwung zu kommen, könnte dies den mittlerweile zweitgrößten Markt für Apple nach dem amerikanischen Kontinent schwer beeinträchtigen. Tim Cook versucht zwar zu beschwichtigen: In China werde bis 2020 eine große Mittelschicht entstehen, auch für das bevölkerungsreiche Indien erwartet er eine ähnliche Entwicklung. Und hätten nicht viele wichtige Währungen gegenüber dem Dollar an Wert verloren, wäre der Umsatz Apples im Vorjahresvergleich nicht um ein mageres Prozent gewachsen, sondern um sieben bis acht.

Doch haben alle Bemühungen, mehr zu sein als der iPhone-Konzern, nicht so eingeschlagen wie erhofft. Von der einzigen neuen Produktkategorie seit 2010, der Apple Watch, nennt der Konzern noch immer keine Verkaufszahlen. Immerhin wächst der Geschäftsbereich, zu dem auch die Fernsehbox Apple TV gehört, schneller als das Geschäft mit iPhones. Die jüngsten Inkarnationen des Apple-Smartphones verkauften sich etwas weniger gut als erwartet, obwohl die Geräte dieses Mal auch in China von Anfang an zu haben waren. Dies liegt auch daran, dass sich alle Hersteller mit jeder neuen Gerätegeneration schwerer tun, mit wirklichen Neuerungen zu überzeugen. Die großen Leistungssprünge, die frühere Handys voneinander unterschieden, gibt es nicht mehr, die Entwicklung geht eher evolutionär voran.

Quelle: SZ-Grafik

Vergleicht man Apple mit der etablierten Konkurrenz, relativiert sich das Bild allerdings deutlich. HTC steckt in Schwierigkeiten, LG macht mit Smartphones Verluste in zweistelliger Millionenhöhe, im Hause Sony sieht es auch nicht gut aus. Bei Apple dagegen murren Investoren und Analysten bereits, wenn das jüngste Rekordergebnis - noch nie hat Apple so viel umgesetzt wie im jüngsten Quartal, 75,9 Milliarden Dollar, hat unglaubliche 74,8 Millionen iPhones verkauft - ein klein wenig unter den Erwartungen liegt.

Dahinter aber steht weniger die Sorge vor einer kleinen Delle als die, dass dem Konzern aus Cupertino die Ideen ausgehen könnten. Was daran liegen könnte, dass Apple sich zu sehr darauf konzentriert habe, die Investoren ruhigzustellen, wie der Apple-Experte Aleksi Aaltonen von der Warwick Business School sagt: "Vor kurzsichtigen Investoren einzuknicken, würde allmählich Apples Fähigkeit zu Innovationen ersticken." Die unvermeidlichen Hochs und Tiefs des Technikgeschäfts erforderten eine Langzeitvision, aber auch riskante Projekte, um Unternehmen gesund zu erhalten. Wer sich zu lange darauf konzentriere, von bereits bewährten Produkten zu leben, schaffe "zu wenig Raum für kühne Ideen und die Menschen, die sie in der Firma verfolgen". Könnte der Abgang des Chefs für das Autoprojekt bei Apple ein Hinweis auf eine solche Tendenz sein? Das zu beurteilen, dazu ist es jetzt noch früh.

Der überraschende Schritt von Google aber, das 2015 beschloss, sich unter dem Dach von Alphabet in kleinere, schlagkräftigere und mit mehr Entscheidungsbefugnis ausgestattete Einheiten aufzuspalten, erscheint vor diesem Hintergrund nur konsequent. Während sich Google-Chef Sundar Pichai darum kümmert, dass die Werbemilliarden weiter sprudeln und dass Google eine Reihe regulatorischer Probleme überwindet, können Forscher an Robotern tüfteln, an Ballons für die Internetversorgung und vielen anderen, teils streng geheimen Projekten. Und der Chef mischt sich - am liebsten inkognito - unters Forschervolk und hält Ausschau nach den nächsten großen Dingen.

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