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Elektromobilität:Angst vor dem Apple-Auto

Tim Cook

Was plant Tim Cook? Der Apple-Chef macht die Autobranche nervös.

(Foto: Richard Drew/AP)

Der iPhone-Hersteller will wohl ein eigenes E-Auto entwickeln. Apple tut sich aber schwer, einen Partner zu finden, der den Wagen baut - kein Wunder.

Kommentar von Helmut Martin-Jung

Was für ein Hype! Sogar vom Jesus-Phone war die Rede, damals, vor 14 Jahren, als das erste iPhone antrat, die Welt von den schrecklichen Vorläufern des Smartphones zu erlösen. Beflügelt vom Erfolg ihres Musikspielers iPod, der eine ganze Branche durcheinandergewirbelt hatte, machte sich Apple daran, nun auch die Welt der computerisierten Telefone auf den Kopf zu stellen. Sie taten das gründlicher, als sie selbst in ihren kühnsten Träumen hoffen konnten: Smartphones haben die ganze Welt verändert, und Apple hat den weitaus größten Anteil daran.

Aus einem Konzern, der in der 1990ern kurz vor der Pleite stand, ist vor allem wegen des iPhones der wertvollste der Welt geworden, einer, dem man mittlerweile alles zutraut. Wo immer der Gigant seinen Fuß hinsetzt, werden daher die Konkurrenten nervös. Sie könnten es ja noch einmal tun, die Überflieger aus Cupertino - zum Beispiel mit einem Auto.

In der Branche ist diese Nervosität schon seit einigen Jahren spürbar. Seit Autos mehr und mehr zu rollenden Computern werden, mutieren auch Unternehmen aus der IT-Branche plötzlich zu gefährlichen Konkurrenten für die Etablierten. Trends wie der Übergang zur E-Mobilität und das autonome Fahren beschleunigen die Entwicklung zu immer mehr Elektronik im Auto noch. Die größte Angst der Autohersteller: zu enden wie der Auftragsfertiger Foxconn, in dessen Werken die schicken Apple-Geräte zusammengesetzt werden.

Die Autohersteller kennen dieses System ja durchaus: Auch sie beziehen den größten Teil der Komponenten von ihren Zulieferern, großen wie vielen kleinen. Am Ende aber rollen, wie die Hersteller immer hervorheben, emotionale Produkte aus den Hallen. Der Unterschied: Die Autobauer besitzen die Werke, in denen die Endmontage stattfindet. Und das ist auch nötig, denn so einfach wie eine Fertigungsstraße für Handys lässt sich eine Autofabrik nicht umrüsten, und es bedarf gewaltiger Investitionen in Maschinen, aber auch in die Menschen, die sie einrichten, warten und bedienen.

Welcher Hersteller will schon das Wichtigste aufgeben, das er hat

Es verwundert daher nicht, dass Apple sich bei der Suche nach einem Partner für sein Autoprojekt schwertut. Gespräche mit Hyundai verliefen erfolglos, mit Nissan gab es auch keine Einigung. Welcher Hersteller will schon das Wichtigste aufgeben, das er hat - seine Marke und das damit verbundene Image -, um im Hintergrund als Auftragsfertiger zu fungieren? Normalerweise sind auch die Werke nicht unbedingt so geplant, dass man die Kapazität einfach mal so beliebig erhöhen kann.

Was aber, wenn Apple ernst macht? Schließlich hat der Konzern so viele Barreserven, dass er sofort VW oder BMW übernehmen könnte. Das dürfte aber nicht das Ziel sein. Ebenso wenig wie, dass Apple ein zweites Tesla werden könnte. Elon Musk, Gründer und Chef des E-Autoherstellers, hat die Herausforderung angenommen, auch die Produktion von Autos zu stemmen - und dabei die Mühen der Ebene genauer kennengelernt als ihm lieb war.

Reine E-Autos zu bauen, ist zwar einfacher als die komplexe Benzin- und Dieseltechnologie zu beherrschen. Im industriellen Maßstab Autos zu bauen, ist dennoch eine Aufgabe, für die etablierte Hersteller nicht umsonst lange gebraucht haben. Auch für einen mächtigen Konzern wie Apple wäre es kein Leichtes, all das aus dem Boden zu stampfen. Hinzu kommen ja auch noch Händlernetz, Werkstätten, womöglich wie bei Tesla noch eigene Ladesäulen.

Für die Etablierten besteht dennoch kein Grund zur Entwarnung. Wenn ein Konzern wie Apple entscheidet, das Thema ernsthaft zu verfolgen, ist das eine Bedrohung, doch bei Weitem nicht die einzige. Die Hersteller müssen den Übergang von der alten Verbrenner- in die neue E-Welt schaffen, und sie müssen ihre Abläufe und ihre Produkte digitalisieren. Dabei sind sie gegenüber den Googles und Apples im Hintertreffen.

Die wichtigste Frage dabei ist, wie sie den Spagat bewältigen, die großen Digitalkonzerne zwar einzubinden, sich aber nicht vereinnahmen zu lassen. Die Kunden erwarten heute mehrheitlich Autos, die eher dem ähnlich sind, was sie von ihrem meistbenutzten digitalen Gerät kennen, dem Smartphone. Die Autohersteller müssen sich da erst herantasten, müssen Wege finden, die unterschiedlich langen Entwicklungszyklen der rollenden Hardware und der dynamisch sich verändernden Software in Einklang zu bringen.

Mit vielen dieser Probleme müssten sich auch die IT-Konzerne herumschlagen, die Autos bauen möchten. Ob sie das wirklich wollen, ist offen. Nicht alles, was entwickelt wird, kommt auch als Produkt heraus. Einen Apple-Fernseher etwa, lange als Gerücht gehandelt, gibt es bis heute nicht.

© SZ/shs
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