bedeckt München

Zwischen den Zeilen:Eine Schüssel Weltgeschichte

35-Dollar-Porzellanschale entpuppt sich als rares Fundstück

Kunstvoll bemalt: Die Schale wurde vermutlich für den Hof des dritten Ming-Kaisers Yongle angefertigt. Wie sie auf den Flohmarkt kam, ist nicht bekannt.

(Foto: dpa)

Ein Fall, von dem Flohmarktgänger eigentlich kaum zu träumen wagen: In Connecticut hat ein Käufer eine wertvolle Ming-Schale für 35 Dollar erstanden - und ließ sie zu seinem Glück schätzen.

Von Clara Thier

Irgendwo im US-amerikanischen Bundesstaat Connectitut ärgert sich womöglich jemand gerade so richtig und schwört sich, nie wieder altes Porzellan zu verkaufen. Oder wie sonst sollte jemand reagieren, der erfährt, dass die alte Porzellanschüssel, die er oder sie für 35 Dollar auf einem Hofflohmarkt verkauft hat, eigentlich bis zu 500 000 Dollar wert ist? Genau das ist nämlich einem Flohmarkt-Verkäufer passiert. Das gute Stück war eben doch nicht nur Omas alte Müslischale (oder wie man auf Amerikanisch sagen würde: "mjuesli"), sondern ein antikes Überbleibsel aus dem China des frühen 15. Jahrhunderts. Ob der Unglückliche von seinem Missgeschick überhaupt weiß, ist allerdings nicht überliefert.

Der oder die unbekannte Käuferin war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und hatte zusätzlich die kluge Idee, die Schüssel von Experten begutachten zu lassen. Deren Fazit: Bei der Schale - weiß, mit blauer Blumenverzierung - handelt es sich um ein Artefakt aus den Zeiten der chinesischen Ming-Dynastie. Sie wurde vermutlich für den Hof des dritten Ming-Kaisers Yongle angefertigt. Drei Jahrhunderte also, bevor in Deutschland das erste europäische Porzellan gebrannt wurde, hat ein chinesischer Keramiker das Kunstwerk geformt und kunstvoll bemalt. Kaiser Yongle war es, der die Hauptstadt Chinas vom südlichen Nanjing in das nördliche Peking verlegte. Die bisherige Innenstadt ließ er abreißen, um die Stadt nach seinen Plänen neu zu bauen: Schon damals wurden in Asien Städte aus dem Boden gestampft, wenn der Herrscher dies wünschte.

Welche Reise die 16-Zentimeter-große Schale in den vergangenen Jahrhunderten hinter sich gebracht hat, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben. Sie soll nun am 17. März im Auktionshaus Sotheby's versteigert werden. Der außergewöhnliche Flohmarktfund verleitet unwillkürlich dazu, die eigenen Küchenschränke und Kellerregale in Gedanken durchzugehen. Findet sich dort nicht vielleicht auch ein Erbstück, das deutlich älter ist als gedacht? 500 000 Dollar - das ist in München schon fast eine halbe Wohnung.

Und die Moral von der Geschicht? Verscherbel Omas Schüsseln nicht.

© SZ
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema