Düstere Prognosen äußerten Experten zur Zukunft der südeuropäischen Staaten nach dem Ende der lockeren Geldpolitik. Finden die Länder nach dem Auslaufen der Anleihenkäufe der Europäischen Zentralbank Investoren für ihre Papiere? Wie sehr verzerrt das auf 2,55 Billionen Euro angelegte Programm der EZB die tatsächliche Erholung nach der Eurokrise? Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, David Folkerts-Landau, sprach im Dezember gar von einer "Anleihen-Blase von historischem Ausmaß". Schließlich drückt das Geld der Zentralbank das Risiko der Papiere künstlich nach unten.
Allmählich scheinen sich die Sorgen aber in Wohlgefallen aufzulösen. Es sieht gut aus für Spanien, Italien, Griechenland und Portugal. Obwohl das Kaufprogramm langsam ausläuft, sind die Renditen auf Staatsanleihen mit Laufzeit von zehn Jahren seit Februar 2017 gesunken - ein Indikator für ein geringeres Risiko. Wobei langsam noch untertrieben ist. Die EZB fährt ihre Investitionen ausgesprochen behutsam zurück. Im Herbst kündigte der oberste Zentralbanker Mario Draghi an, dass das Volumen der Anleihenkäufe monatlich auf 30 Milliarden Euro halbiert werden soll. So sieht das Vorgehen bis September aus. Bis zum Ende der Nullzins-Phase wird es wohl noch länger dauern. Deshalb ist es aus Sicht von Marktbeobachtern zu früh, den Südeuropäern die endgültige Entwarnung zu geben.
Unternehmen spüren geringeres Interesse an ihren Aktien
Die erste Belastungsprobe wertet Uwe Burkert, Chefvolkswirt der Landesbank Baden-Württemberg, zumindest vorsichtig optimistisch: "Viele Investoren kommen zurück an den Markt." Mit mehr oder minder hoher Geschwindigkeit würden die vier Staaten in die richtige Richtung krabbeln. Wichtige Kennziffern wie die Inflationszahlen und das Wachstum seien gut. Allerdings bleibe ein Risiko "bei negativen Überraschungen". Am kommenden Sonntag stehen Parlamentswahlen in Italien an. Setzen sich Euroskeptiker durch, wäre das ein Rückschlag. Bedeutender für den gesamten Süden ist aus Burkerts Sicht aber die Bildung einer neuen Bundesregierung in Deutschland. "Lehnen die SPD-Mitglieder den Koalitionsvertrag ab, könnte das für kurzfristige Irritationen sorgen", sagt er. Der Vertrag liest sich europafreundlich. CDU, CSU und SPD wollen noch mehr Geld für die EU bereit stellen.
Auch Daniel Hartmann, Anleihenspezialist beim Investmentmanager Bantleon, zeigt sich in Bezug auf die Entwicklung der krisengeplagten Südeuropäer zuversichtlich. Bei der Stabilisierung der Staaten helfen aus seiner Sicht günstige Rahmenbedingungen. Neben der Konjunktur nennt er das politische Umfeld. Im vergangenen Jahr standen in mehreren Eurostaaten Wahlen an. Gegner der Währungsunion drohten, zu siegen. "Wie robust die südeuropäischen Staaten mittlerweile aufgestellt sind, wird sich aber erst beim nächsten Abschwung zeigen", meint Hartmann.
Während die Renditen für südeuropäische Anleihen sinken, entwickeln sich die Papiere Deutschlands und der USA gegenläufig. Mit Blick auf die Bundesrepublik spricht Burkert von einer "Normalisierung". Lagen die Renditen auf Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren vor zwölf Monaten noch bei extrem niedrigen 0,3 Prozent, sind es nun 0,65. Dieses erhöhte Niveau sei notwendig, um Investoren zu finden, meint Burkert. Eine sichere Anlage allein scheint nicht mehr auszureichen, die Käufer wollen wieder höhere Zinsen. Denn langsam zieht hierzulande die Inflation an, auf 1,8 Prozent im Jahr 2017. Das ist schon nah des EZB-Ziels von knapp unter zwei Prozent. Dafür verlangen die Anleger den Ausgleich in Form von steigender Rendite. Zudem erwarten Investoren, dass die EZB 2019 den Leitzins erhöht.
Die USA sind schon weiter. Die US-Notenbank hat den Leitzins bereits erhöht, die Inflation liegt über zwei Prozent. Allein deshalb war es aus Expertensicht unvermeidbar, dass die Rendite der US-Anleihen innerhalb eines Jahres von 2,4 Prozent auf knapp 2,8 gestiegen ist. Hinzu kommt die Politik von US-Präsident Donald Trump. Seine Steuerreform könnte die gut laufende Konjunktur und die Inflation weiter antreiben. Viele Beobachter vermuten, dass die Rendite weiter steigen wird. Denn Trump muss das Land zur Finanzierung seiner Vorhaben drastisch verschulden. Bei der psychologisch wichtigen Marke von etwa drei Prozent steigt das Investoreninteresse an, meint Burkert. Nun sind drei Prozent im weltweiten Vergleich ziemlich hoch, gerade für ein Land wie die Vereinigten Staaten. Ein Risiko scheint für Investoren kaum gegeben, die Bonität ist da, von den Ratingagenturen gibt es Top-Bewertungen. Doch die US-Anleihen kommen als fragiles Gebilde daher. Als vor Kurzem das Gerücht aufkam, der wichtigste amerikanische Finanzier China wolle weniger Papiere kaufen, folgte die Reaktion des Marktes prompt. Die Risikoaufschläge, die die USA zahlen müssen, gingen in die Höhe.
Unternehmen spüren die Auswirkungen der steigenden Renditen, die es unter anderem in Deutschland und den USA gibt. Vor allem Firmen, die vergleichsweise hohe und stabile Dividenden ausschütten, erkennen ein geringeres Investoreninteresse. Die Aktienkurse sinken. Denn die Renditen der Staatsanleihen nähern sich den Dividenden-Titeln der Unternehmen wieder an. So nennt Tim Höttges, Vorstandschef der Deutschen Telekom, dieses Umschichten als einen Grund, warum die T-Aktie in den letzen acht Monaten knapp ein Viertel an Wert verloren hat. Mit einer Dividenden-Rendite von etwa 4,8 Prozent zählt die Telekom zu den klassischen Dividenden-Titeln hierzulande.