Es klingt wie ein eleganter Plan, um den Machthaber im Weißen Haus in die Schranken zu weisen: Europa verweigert den USA einfach weitere Kredite. Daraufhin schnellen die Zinsen in die Höhe, die Wirtschaft kommt ins Stocken – und Präsident Donald Trump bekommt Mühe, seine wirtschaftlichen Wahlversprechen einzulösen. Zwei Wege führen dorthin: Zum einen könnten sich europäische Investoren absprechen und ihre US-Staatsanleihen verkaufen, oder aber sie verzichten künftig schlicht auf Neuankäufe.
Die Anleihemärkte sind mächtig – das ultimative Korrektiv für verschwenderische Regierungen. Und eigentlich sind sie unpolitisch: Sie berechnen einzig, welcher Zinssatz das Kreditrisiko ausgleicht; auf dieser Basis wird gehandelt und es entsteht im Tagesgeschäft der Marktzins. Trump kennt die Mechanismen inzwischen genau: Seine hohen Strafzölle vom „Liberation Day“ im April sowie die aktuelle Abgabedrohung gegen die EU im Streit um Grönland musste er zurücknehmen, weil die Zinsen für US-Staatskredite plötzlich stark anstiegen. Nirgendwo sonst ist Amerika so verwundbar. Derzeit liegt der Rendite-Satz für zehnjährige „Treasuries“ bei rund 4,2 Prozent, ab etwa 4,5 Prozent käme das US-Finanzministerium in die Bredouille.
US-Staatsanleihen sind ein Billionen-Markt
Das gesamte ausstehende Volumen an US-Staatsanleihen liegt bei rund 30 Billionen Dollar, ein Drittel davon sind Schulden bei Investoren im Ausland. Die sieben größten europäischen Geldgeber der USA halten davon zusammen rund 2,8 Billionen Dollar, die größten einzelnen Gläubiger sind Japan mit 1,2 Billionen, Großbritannien mit 890 Milliarden und China mit 683 Milliarden Dollar.

Finanzmärkte:Kapital als Waffe? Warum der Anleihemarkt selbst Trump Angst macht
Der Anleihemarkt brachte Trump im April 2025 zum Umlenken. Auch jetzt lässt er von Zolldrohungen ab, nachdem die Runde gemacht hatte, die Europäer könnten ihre US-Staatsanleihen verkaufen. Die Deutsche Bank geriet dabei zwischen die Fronten.
Europa verfügt damit durchaus über einen finanziellen Hebel. Allerdings ist es weder wünschenswert noch realistisch, dass diese Bestände plötzlich verkauft werden, um Trump unter Druck zu setzen. Die Papiere werden hauptsächlich von Fondsgesellschaften, Versicherern, Pensionskassen und Privatanlegern gehalten. Solche nicht-staatlichen Investoren können aber nicht zum Kaufen oder Verkaufen gezwungen werden – sie sind ihren Anlegern verantwortlich und wissen, dass ein schneller Ausverkauf Verluste einbrächte und auch in Europa zu Marktturbulenzen führen würde. Zudem müsste das frei werdende Kapital ja anderswo angelegt werden, was schwierig ist: US-Staatsanleihen gelten in Anlagevorschriften und für die Risikostreuung als unverzichtbares Wertpapier. Auch Notenbanken wie die EZB, die Dollar-Reserven halten, werden sich nicht politisch instrumentalisieren lassen. Schließlich bleiben die globalen Finanzmärkte vom Dollar dominiert, mit der Federal Reserve als Zentrum – die Finanzwelt braucht sie im Ernstfall als Stabilisator.
Europa kann Trump jederzeit ärgern – indem man die Abhängigkeit immer wieder freundlich betont
Zudem plant Trump, die Fed unter seine Kontrolle zu bringen. Sollte Europa nun „Hardball“ spielen und sich vollständig aus US-Staatsanleihen zurückziehen, würde die Fed einspringen und massiv Staatspapiere aufkaufen. Gut möglich, dass Trump dann eskaliert – etwa durch das Einfrieren europäischer Wertpapiere oder Sanktionen gegen europäische Staaten. Trump sitzt damit am längeren Hebel; direkter Druck auf den Präsidenten kann daher nur von den US-Anleihebesitzern im Inland ausgehen.
Langfristig aber sollte sich Europa dennoch von den US-Schulden abnabeln. China hat seinen Bestand an amerikanischen Staatsanleihen binnen zwölf Jahren bereits um fast die Hälfte reduziert – von zuvor 1,3 Billionen auf zuletzt rund 683 Milliarden Dollar. Peking konterte damit bereits Zolldrohungen von Trump in dessen erster Amtszeit. China kauft zudem viel Gold und stärkt Initiativen, die den Dollar als Leitwährung schwächen wollen.
Und Europa kann Trump jederzeit indirekt ärgern, indem man in Gesprächen die Abhängigkeit der USA von ausländischem Geld immer wieder freundlich betont. Dezente Andeutungen, man müsse die USA nicht immer finanzieren, und der teilweise Rückzug einzelner Staatsfonds würden ausreichen, um Unruhe zu stiften. Und schon minimale Zinserhöhungen gefährden Trumps Erfolgschancen bei den anstehenden Zwischenwahlen. Die Anleihemärkte sind da unerbittlich und unbestechlich.


