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Analyse:Aus der Geschichte lernen

Der Crash von 1929 war kein Einzelfall. Er ähnelt späteren Finanzkrisen.

Von Victor Gojdka

Wenn Moritz Schularick verstehen will, was derzeit an den Finanzmärkten vor sich geht, dann ist ihm kaum etwas lieber als ein verstaubter Wälzer. Bankbilanzen, Exportstatistiken, Schriften in Sütterlin - sie sind das Arbeitsmaterial des Bonner Professors. Denn er ist überzeugt: Die Vergangenheit kann uns helfen, die Gegenwart besser zu verstehen.

Der Börsencrash 1929, die folgende Rezession und schließlich die Depression: Aus Schularicks Sicht sind das keine verblichenen Zeitläufe von vor 90 Jahren. Wenn man Dutzende Fälle über Hunderte von Jahren sammelt, wenn man die Mosaiksteinchen vieler Einzelfälle zu einem großen Ganzen zusammensetzt - dann lässt sich vieles aus der Geschichte lernen.

Der renommierte Ökonomieprofessor hat das zusammen mit Kollegen getan, hat mit ihnen Finanzkrisen in 13 Ländern seit 1870 akribisch analysiert. Die überraschende Erkenntnis: Nicht nur der Finanzkrise 1929 ging ein Kreditboom voraus, das war bei vielen Finanzschmelzen so. "Ein Boom bei Krediten ist historisch der verlässlichste Einzelindikator für Finanzkrisen", sagt Schularick. Wenn Gläubiger immer mehr Geld verleihen, gehen sie mitunter zu hohe Risiken ein. Im Glauben, dass es weiter aufwärtsgeht - und allein das Wachstum die Kredite schon finanzieren werde. Bis die Blase platzt.

Doch Schularicks Daten zeigen auch: Längst nicht jede Kreditwelle führt am Ende unausweichlich in die Katastrophe. Nur jeder vierte Kreditboom endet historisch mit einem großen Knall. Drei Mal geht es zumindest gemäß der Statistik gut, dann nämlich, wenn die Kredite die Wirtschaft tatsächlich voranbringen - und die Schuldner am Ende ihr Geld wieder zurückzahlen können.

Kommt jedoch eine Finanzkrise, sind die Auswirkungen nicht nur ökonomischer Natur. Es geht nicht allein um wankende Banken, kollabierende Unternehmen und Massenverelendung. Geraten Länder in eine Finanzkrise, nimmt auch die politische Polarisierung zu. Vor allem rechte Parteien profitieren Schularicks Erkenntnissen zufolge von einem finanziellen Chaos. Denn nach Finanzkrisen verlieren Menschen nicht nur das Vertrauen in die Banker, sondern auch in Politiker und Eliten insgesamt. Verhängen die Gesetzgeber auch noch harte Anti-Krisenmaßnahmen, ziehen sie gleich doppelt Ärger auf sich: Einmal, weil sie die Krise nicht verhindert haben. Und danach, weil sie den Normalbürgern auch noch Lasten aufbürden.

Auch heute sehen Finanzaufseher wieder Blasen im Finanzsystem: die weltweit steigenden Unternehmensschulden, die hohe Auslandsverschuldung mancher Schwellenländer. Oder auch Chinas undurchsichtiges System von Schattenbanken, deren Risiken kaum jemand abschätzen kann. Was genau eine mögliche, nächste Krise auslösen könnte, ist unklar. Nur eines ist schon jetzt sicher: Die Geschichte wird es zeigen.

© SZ vom 25.10.2019
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