Süddeutsche Zeitung

Amerikansche IT-Konzerne:Im Tal der Heuchler

  • Die Manager im Silicon Valley sprechen gerne davon, dass sie die Welt verbessern wollen.
  • Allerdings handeln sie nicht immer so. Wenn es irgendwo Profit zu machen gibt, werfen sie auch gerne mal alle Prinzipien über Bord.
  • Das zeigt auch das aktuelle Beispiel Apple: Das Unternehmen entfernte auf Druck der chinesischen Behörden eine App von seinen Plattformen.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Es gibt eine Tonlage, die im Silicon Valley überaus populär ist: hehres Pathos. Ob einer nun selbstfahrende Elektroautos oder Smartphones baut, ob er die Taxibranche oder die Hotelindustrie aufmischt, ob er sich ein soziales Netzwerk oder eine Kryptowährung ausdenkt. Stets geht es dann um nicht weniger als um dies: die Verbesserung der Welt.

Die Google-Gründer Larry Page und Sergej Brin haben vor dem Börsengang im Jahr 2004 einen Brief verfasst, der noch heute als Magna Charta der Technologiebranche gilt. "Wir wollen ein Umfeld schaffen", heißt es da, "in dem kreative und hart arbeitende Menschen dafür belohnt werden, dass sie aus der Welt einen besseren Ort machen". Und auch Apple-Gründer Steve Jobs wusste, worum es im Leben wirklich geht: "Ich will nicht der reichste Typ auf dem Friedhof sein. Was mir wirklich was bedeutet: abends ins Bett gehen in der Gewissheit, etwas Wundervolles getan zu haben."

Selbstredend möchte da auch Tesla-Gründer Elon Musk nicht zurückstehen, sein Credo reifte schon früh: "Die Helden meiner Lieblingsbücher, ,Herr der Fliegen' oder die ,Foundation-Trilogie', wollten immer die Welt retten." Jetzt stellt sich die Frage ganz konkret: Sind diese Leute wirklich Weltverbesserer? Oder sind sie nur Weltmeister der Heuchelei?

Am vergangenen Wochenende entfernte Apple zahlreiche Apps für virtuelle private Netzwerke (VPN) aus seinem Sortiment in China. Sogenannte VPN-Tunnel schaffen eine geschützte Verbindung ins Ausland. Damit konnten chinesische Nutzer bisher die staatliche Zensur umgehen. VPN war eine der ganz wenigen Möglichkeiten, die Internetsperren des Landes zu umgehen; nun aber bleibt ihnen der Zugang zu Informationen über heikle Themen verwehrt. Facebook und Twitter sind schon seit Jahren von der chinesischen Regierung gesperrt. Auch Google-Dienste oder die Videoplattform Youtube, viele internationale Medien oder Webseiten, die Pekings Politik kritisieren oder Menschenrechtsthemen ansprechen, werden blockiert. Zuletzt wurde auch der Nachrichtendienst Whatsapp massiv gestört. Apple hatte schon Anfang des Jahres Ärger auf sich gezogen, als es auf Wunsch Pekings die Nachrichten-App der New York Times aus seinem Angebot in China löschte.

"Es wäre uns ganz offensichtlich lieber gewesen, die Apps nicht zu entfernen", rechtfertigt Apple-Chef Tim Cook jetzt die Löschung der VPN-Programme. "Doch wie in jedem anderen Land befolgen wir die Gesetze." Er glaube daran, "dass wir mit Regierungen in Dialog treten können, auch wenn wir anderer Meinung sind".

Noch im vorigen Jahr hatte man Cook, den Idealisten, erleben können: Da weigerte er sich, diesmal ganz Hüter des Datenschutzes, das Telefon eines Attentäters für die amerikanischen Bundesbehörde FBI zu entschlüsseln. Das war vielleicht mutig, aber es war auch nicht schlecht fürs Geschäft.

Doch auch andere Konzernchefs geraten in Erklärungsnot. Am Mittwoch kam heraus, dass Beijing Sinnet Technology, der chinesische Partner der Amazon-Tochterfirma AWS, seine Kunden dazu aufgefordert hat, diese Umgehungsstraßen für die Internetblockade in China, von ihren Rechnern zu löschen. Alles im Einklang mit den großen Zielen von Amazon-Chef Jeff Bezos?

1,2 Milliarden

iPhones hat Apple seit 2007 verkauft. Damals hatte der Konzern aus dem Silicon Valley das erste Gerät präsentiert und damit eine Revolution im Mobilfunkmarkt ausgelöst. Heute ist das iPhone das mit Abstand wichtigste Produkte von Apple, es steht für zwei Drittel des Umsatzes. Fast überall steigt der Absatz, aber nicht in China. Dort gingen die Verkäufe im abgelaufenen Quartal um 9,5 Prozent zurück. Apple liegt in China unter den Herstellern lediglich auf Platz fünf.

Der hat 2013 in den USA für 250 Millionen Dollar die hoch angesehene Washington Post gekauft, die derzeit die Präsidentschaft von Donald Trump kritisch begleitet und für unabhängigen und vertrauenswürdigen Journalismus sowie freien Zugang zu Informationen steht.

Auch Bezos müsste klar sein, was das Ziel des chinesischen Ministeriums für Informationstechnologie ist: Peking will die sogenannte "Great Firewall", diesen großen virtuellen Schutzwall gegen unbequeme Informationen, so undurchdringlich wie möglich machen. Es ist kein Zufall, dass jene Regierungen, welche die größte Angst vor Freiheit und Demokratie haben, das Internet am eifrigsten kontrollieren möchten. Der russische Präsident Wladimir Putin etwa erließ kürzlich ein Gesetz, demzufolge in Russland keine Verbindungen über VPN mehr aufgebaut werden dürfen.

Wie verträgt sich all das mit den großen Versprechen der Bosse?

Aber wie verträgt sich das alles mit dem großen Versprechen der digitalen Revolution, wonach dieses Internet die Welt von Grenzen und Mauern und Zensur befreien sollte? Werden die Silicon-Valley-Konzerne und ihre Chefs also jetzt zu Handlangern totalitärer Regimes?

Fest steht jedenfalls: Wenn es ums große Geschäft geht, wird der moralische Anspruch erkennbar gedimmt. Ganz neu ist der Vorwurf der Heuchelei ja nicht - etwa wenn die Unternehmen weltweit nach Steuerschlupflöchern fahnden, um möglichst viel Geld in die eigenen Kassen zu lenken; oder wenn sie sich um den Schutz von geistigem Eigentum vor allem dann scheren, sobald es sich um ihr geistiges Eigentum handelt.

In China kann man viel Geld verdienen

Eine Studie der Harvard University zeigte bereits im Jahr 2011, dass Software-Firmen wie McAfee, Netsweeper and Websense ihre Produkte an Regierungen von Staaten wie Ägypten, Libyen und Syrien verkauft hatten, die dort dann zur Zensur unerwünschter Inhalte missbraucht wurden.

Ist das verwerflich? Wenn Elon Musk, der sich durchaus über seinen Superhelden-Spitznamen "Iron Man" freut, fünf Prozent der Tesla-Anteile an den chinesischen Konzern Tencent verkauft, sich mit Vize-Premierminister Wang Yang trifft und den Bau einer Fabrik in China plant: Will er dann seine Vision vom nachhaltigen Personentransport auch in China verwirklichen? Oder will er seiner Firma erst einmal den Einfuhrzoll von 25 Prozent ersparen?

Oder was bedeutete das, was LinkedIn-Chef Jeff Weiner im Jahr 2014 über den Einstieg seiner Firma in China sagte: "Natürlich sind wir für freie Meinungsäußerung und gegen Zensur - aber wir erwarten, dass es den Wunsch nach Filtern geben wird, den wir notwendigerweise erfüllen müssen." Das klingt ein bisschen nach: Wir würde ja gerne eine bessere Welt haben - aber das ist nun mal die Welt, wie sie ist. Und in der verdienen wir.

Der chinesische Markt ist verlockend. Dieser Satz gilt freilich für die Sommerpausen-Reise eines deutschen Fußballvereins, er gilt aber vor allem für die Technikfirmen aus dem Silicon Valley. Apple, Amazon und Microsoft wollen dort Datenzentren eröffnen. Der chinesische Markt ist der größte der Welt, und chinesische Anbieter, die das Modell der US-Konzerne nachahmen, werden dort immer wichtiger, ob es Hersteller von Smartphone oder E-Autos sind, der Onlinehändler Alibaba, die Suchmaschine Baidu oder die Plattform Wechat. Auch Google - das sich vor sieben Jahren öffentlichkeitswirksam aus China zurückgezogen hat - soll derzeit mit den Behörden in Peking über eine mögliche Rückkehr verhandeln. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg spricht mittlerweile Mandarin, er hat den chinesischen Präsidenten Xi Jinping getroffen. Es heißt, dass sein Unternehmen an einer Lösung arbeitet, der chinesischen Gesetzgebung gerecht zu werden und das soziale Netzwerk auch dort zu etablieren.

Man kann die Aktivitäten der US-Hightech-Konzerne in China als Eingeständnis des Scheiterns werten: Dass die Silicon-Valley-Bosse das mit der besseren Welt doch nicht überall hinbekommen und dass ihnen die Profite und der Aktienkurs der eigenen Firma letztlich doch mehr bedeuten als die Werte, für die sie so gerne einstehen. Vielleicht ist das alles aber auch Teil eines anderen, langfristiger angelegten und viel größeren Plans.

Mark Zuckerberg hat in dieser Woche Joel Benenson für seine Stiftung Chan Zuckerberg Initiative verpflichtet, der er nach seinem Tod 99 Prozent seines Vermögens überlassen will. Der war Berater des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama und Wahlkampf-Stratege von Hillary Clinton. Ebenfalls Mitglieder im Team Zuckerberg: David Plouffe (Wahlkampf-Manager von Obama), Amy Dudley (PR-Berater von Senator Tim Kaine) und Ken Mehlman (Wahlkampf-Leiter von George W. Bush).

Ach ja: Zuckerbergs Fotograf Charles Ommanney hat einst Bilder für die Präsidentschafts-Kampagnen von Bush Jr. und Obama geschossen hat. In diesem Jahr will Zuckerberg alle 50 Bundesstaaten der USA besuchen. "Einige haben mich gefragt, ob das bedeutet, dass ich für ein öffentliches Amt kandidieren möchte", schrieb Zuckerberg im Mai auf seiner Facebook-Seite: "Das tue ich nicht." Er will natürlich nur die Welt verbessern.

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SZ vom 05.08.2017/vd
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