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Internet der Dinge:Amazon will die Vernetzung um jeden Preis

Sprachassistent Alexa

Der Lautsprecher Echo von Amazon ist klug, denn er kann Signale verstehen und Befehle verarbeiten - zum Beispiel, welche Musik erklingen soll. Dafür muss er aber immer online sein.

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

Amazons smarte Lautsprecher bringen in den USA jetzt auch die Geräte vom Nachbarn online. Datenschützer befürchten Einfallstore für Hacker, Internetanbieter sind empört.

Von Maximilian Flaig

Die Idee klingt erst einmal nicht nach Weltkonzern, sondern fast schon nach Hippie-Kommune: Ein kleiner Teil der Bandbreite wird vom heimischen Router abgezwackt und Nachbarn zur Verfügung gestellt - kostenlos! Jeder gibt ein bisschen Frequenz ab, damit möglichst viele Geräte in der Umgebung ins Internet kommen. Doch Amazon, das Unternehmen hinter der Idee, steht nach Meinung vieler nicht für Sozialromantik, sondern eher für Steueroptimierung und Kampf mit Gewerkschaften. Verwirklicht das Unternehmen nun tatsächlich den Traum vom kostenlosen Netz für alle?

Ziel der Funktion namens Sidewalk ist die weitergehende Vernetzung des Alltags zu Amazons Bedingungen: Sidewalk soll sicherstellen, dass die smarten Geräte des Konzerns sowie jene ausgewählter Partner online bleiben, falls kein Wlan in der Nähe ist. Vernetzte Amazon-Gadgets wie der Echo-Lautsprecher oder Sicherheitskameras agieren dank Sidewalk als "Brücke", wenn sie mit einem Router verbunden sind. Das heißt: Sie erhöhen dessen Reichweite und geben einen Teil des Signals an andere Sidewalk- fähige Geräte weiter, etwa smarte Türschlösser.

So soll entstehen, was Amazon ein Nachbarschaftsnetzwerk und Fachleute ein Mesh-Network nennen. Je mehr dieser Brücken in der Nachbarschaft, desto größer das Netz. Und Amazon profitiert, denn der Online-Händler verkauft viele Smarthome-Geräte, die nur funktionieren, wenn sie online sind. In den USA startete Sidewalk vergangene Woche. Pläne, die Funktion auch in Deutschland einzuführen, hat Amazon nicht angekündigt. Neuerungen wie der Pkw-Assistent "Echo Auto" wurden aber zunächst im US-Markt etabliert, um sie später in Deutschland auszurollen.

Sidewalk soll helfen, wenn zum Beispiel die Sicherheitskamera am Garagentor außer Reichweite des eigenen Wlan-Routers liegt. Dann kann die "Brücke" des Nachbarn einspringen und der Kamera ein bisschen Internet spendieren. Auch Tierbesitzer können profitieren: Über einen Tracker am Halsband der Katze lässt diese sich orten, solange sie im Signalbereich des Netzwerks herumstreunt.

Sidewalk schaltet sich automatisch ein

Selbst Kritikern fällt es schwer, von dem Konzept nicht fasziniert zu sein: "Als Tech-Freak sehe ich das Ganze schon mit einer gewissen technischen Begeisterung", sagt Tobias McFadden, Abgeordneter der Piratenpartei und aktiv in der Initiative Freifunk, die freie und selbstverwaltete Funknetzwerke aufbaut.

Trotzdem erregt Sidewalk die Gemüter. Zahlreiche US-Medien veröffentlichten Ratgeberartikel, die beschrieben, wie man die neue Funktion deaktiviert. Amazon hatte sie aus der Ferne standardmäßig auf seinen Geräten via Update eingeschalten, ohne die Besitzer zu fragen. Sie erhielten nur eine E-Mail, in der stand, wie sie Sidewalk nachträglich abschalten können. Solche Opt-Out-Hinweise beachten aber erfahrungsgemäß viele Nutzer nicht.

Die automatische Aktivierung mag einerseits dazu führen, dass nun mehr Geräte am Netzwerk teilnehmen, weil unwissende Nutzer gar nicht merken, dass ihr Wlan gerade das Halsband der Nachbarskatze im Internet hält. Andererseits provozierte Amazon damit auch Datenschutzbedenken. Um sie auszuräumen, veröffentlichte Amazon ein 13-seitiges Whitepaper zur Privatsphäre. Darin heißt es: "Informationen, die Kunden als sensibel einstufen würden, werden von Sidewalk nicht gesehen." Nutzer wüssten also niemals, mit wem sie ihr Signal gerade teilen, sie sähen nicht einmal den Gerätenamen.

Provider sprechen von "Diebstahl"

Amazon will künftig noch mehr Geräte anderer Hersteller integrieren. Das erhöhe das Risiko, dass eines dieser Drittgeräte eine Schwachstelle enthält, die Kriminelle ausnutzen könnten, warnt McFadden. Je mehr Geräte, je größer das Netz, desto mehr potenzielle Einfallstore: "Durch die Vielzahl an Devices gibt es völlig neue Eingriffsmöglichkeiten in mein privates Netzwerk, die es vorher technisch nicht gab." Auf Anfrage weist Amazon darauf hin, dass Drittanbieteranwendungen dieselben Verschlüsselungsstandards erfüllen müssten wie Amazon-eigene Geräte.

US-Internetanbieter werfen Amazon vor, ihren Service kostenlos Unbefugten zur Verfügung zu stellen. "Das ist schlicht Diebstahl", zitiert ein Verbrauchermagazin der New York Times einen amerikanischen Provider. Mit Sidewalk bringe Amazon Kunden dazu, die Nutzungsbedingungen der Internetanbieter zu verletzen. Amazon teilte der SZ mit, man glaube nicht, dass "die Nutzung von Sidewalk ein Problem mit den Nutzungsbedingungen der Provider darstellt." Schließlich sei es Kunden auch erlaubt, ihr Wlan mit Gästen zu teilen.

Eine Sidewalk-Brücke benötigt laut Amazon ein maximales Datenvolumen von 500 Megabite pro Monat. Das entspricht einem rund zehnminütigen Videostream in hoher Qualität. Den Providern geht es aber wohl ums Prinzip. Sie haben kein Interesse, gegen ihren Willen Teil von Amazons Kommune zu werden.

© SZ
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