Amazon:Geschäfte machen wie im schlechten Film

Jeff Bezos

Amazon-Gründer Jeff Bezos hat offenbar kein Problem damit, die Marktmacht seines Konzerns voll auszureizen.

(Foto: Patrick Semansky/dpa)

Der Amazon-Konzern soll laut "Wall Street Journal" Zulieferer gedrängt haben, ihm Aktien zu Dumpingpreisen zu verkaufen. Es war offenbar nicht die einzige zweifelhafte Geschäftsmethode.

Von Claus Hulverscheidt

Was es bedeutet, Geschäfte mit einem Giganten zu machen, erfuhr die Spartan Nash Co. aus The Grand Rapids im US-Bundesstaat Michigan im vergangenen Jahr. Der Online-Konzern Amazon, den man bereits seit 2016 mit Obst, Gemüse und anderen Produkten belieferte, bot an, über einen Zeitraum von sieben Jahren Waren im Wert von acht Milliarden Dollar für seinen Lebensmittelzustelldienst Amazon Fresh einzukaufen. Eine Offerte für Spartan Nash, wie sie verlockender eigentlich kaum klingen kann.

Allerdings konfrontierte das Handelsimperium aus Seattle den etablierten Zulieferer mit gleich zwei neuen, höchst ungewöhnlichen Bedingungen. Erstens: Spartan Nash müsse Amazon die Möglichkeit einräumen, sich mit bis zu 15 Prozent am Grundkapital des Geschäftspartners zu beteiligen - und zwar im Zweifel zu Dumpingpreisen. Und zweitens: Wolle ein Konkurrent den Zulieferer übernehmen, habe dieser die Pflicht, Amazon vorab zu informieren und dem Konzern von Firmengründer Jeff Bezos eine Frist von zehn Tagen für die Abgabe eines Gegenangebots einzuräumen. Die Führung von Spartan Nash - selbst nicht gerade ein Kleinbetrieb - war konsterniert, willigte nach längerer Diskussion jedoch letztlich ein. Schließlich ist es vermutlich nicht klug, einen so mächtigen Geschäftspartner zu verärgern.

Was klingt wie die Szene aus einem Mafia-Film, soll sich in den vergangenen Jahren dutzendfach so abgespielt haben. Das jedenfalls haben aktive und ehemalige Mitarbeiter der beteiligten Firmen dem Wall Street Journal berichtet, das die Exklusivinformationen nun in einem umfangreichen Artikel veröffentlichte.

Demnach nutzte Bezos' Konzern in mindestens 85 Fällen seine Marktmacht aus, um Geschäftspartner mit guten Zukunftsaussichten dazu zu bewegen, ihm sogenannte Berechtigungsscheine zur Verfügung zu stellen. Sie ermöglichen es dem Besitzer, binnen einer bestimmten längeren Frist Aktien des Unternehmens zu einem bereits feststehenden Betrag zu kaufen. Steigt der Börsenkurs während der Laufzeit der Vereinbarung deutlich über diesen Betrag, kann sich der Berechtigte also zu einem Schnäppchenpreis eindecken.

Amazon steht bereits wegen anderer Vorfälle in der Kritik

Die Enthüllungen der renommierten Wirtschafts- und Finanzzeitung sind Wasser auf die Mühlen all jener Politiker, Ökonomen und Aktivisten, die der Amazon-Gruppe seit langem einen Missbrauch ihrer marktbeherrschenden Stellung vorwerfen. Zentraler Kritikpunkt war bisher vor allem die Doppelrolle des Unternehmens als Marktbetreiber und Markthändler: So unterhält der Konzern einerseits jene allseits bekannte elektronische Verkaufsplattform, über die unzählige Firmen in aller Welt ihre Waren offerieren. Zugleich bietet er aber auch selbst Produkte an, die denen konkurrierender Markthändler gelegentlich frappierend ähneln - zugleich aber oft erstaunlich preisgünstig sind. Kritiker haben bereits wiederholt moniert, Bezos' Unternehmen sammle über seine Plattform offenkundig gezielt Daten, um besonders beliebte Produkte zu identifizieren und zu kopieren und dann die ursprünglichen Anbieter mit Niedrigpreisen auszumanövrieren. Der Firmengründer, der sich in Kürze aus der operativen Führung des Konzerns zurückziehen wird, hat die Vorwürfe mehrfach zurückgewiesen, zuletzt auch bei einer Anhörung im US-Kongress.

Nun kommt der Vorwurf der kaum versteckten Nötigung von Lieferanten hinzu. Laut Wall Street Journal nutzte Amazon das Konstrukt der Berechtigungsscheine, um Firmenbeteiligungen im Wert von mehreren Milliarden Dollar zu erwerben. Dabei reiche die Spanne der Unternehmen, deren Aktionär der Online-Händler heute ist, von Call-Center-Betreibern bis zu Erdgaslieferanten. In einigen Fällen sei Amazon mittlerweile sogar größter Anteilseigner.

Dabei profitiert der Konzern in manchen Fällen gleich doppelt: Er kauft sich günstig bei neuen Lieferanten ein, deren Börsenwert dann allein deshalb steigt, weil der Online-Konzern jetzt zu den Kunden zählt - für Amazon eine Art Perpetuum mobile der Geldvermehrung. In einigen Fällen soll der Konzern sogar eigene Mitarbeiter in die Vorstände der Partnerunternehmen entsandt haben, die dann über die strategische Ausrichtung der Firma mitentschieden. Manager der betroffenen Betriebe sagten der Zeitung, sie hätten das Gefühl gehabt, die Forderungen von Amazon nicht ablehnen zu können, ohne Gefahr zu laufen, einen wichtigen Kunden zu verlieren.

Der Konzern räumt die Vorwürfe ein, wiegelt aber ab

Doch auch an anderer Stelle nutzt Bezos' Unternehmen seine Marktmacht ungeniert aus. So nötigt es angeblich Geschäftspartner eines Amazon-Firmenbereichs, auch die Dienste anderer Konzerntöchter in Anspruch zu nehmen - gegen ordentliche Bezahlung. Auch verwende die Firmengruppe ihren Kapitalanlagefonds, um gezielt auf die Suche nach Start-ups zu gehen, die das eigene Geschäft ergänzen oder aber bedrohen könnten.

Eine Amazon-Sprecherin räumte dem Bericht zufolge ein, dass man sich von Geschäftspartnern Berechtigungsscheine habe ausstellen lassen. Es seien jedoch nur ein Prozent aller entsprechenden Verträge betroffen. Zudem habe sich Amazon im Gegenzug stets dazu verpflichtet, in jedem Jahr bestimmte Mengen an Waren bei dem Zulieferer einzukaufen.

Nach Angaben früherer Konzernmanager gab es die Praxis bei dem Unternehmen schon lange, sie sei jedoch in den vergangenen Jahren aggressiv ausgeweitet worden. Ein Blick in den jüngsten Amazon-Quartalsbericht bestätigt das: Dort wird der Wert aller derzeit in Konzernbesitz befindlichen Berechtigungsscheine mit 2,8 Milliarden Dollar angegeben - mehr als fünf Mal so viel wie vor drei Jahren. Wie viele solcher Scheine bereits in Aktien umgetauscht wurden, geht aus den Unterlagen nicht hervor.

So oder so: Der Konzern muss aufpassen. Im Kongress werden derzeit gleich sechs parteiübergreifende Gesetzentwürfe diskutiert, die sich mit der großen Marktmacht von Amazon, Apple, Google und Facebook befassen. Dabei schrecken neben linken Aktivisten sogar manche Republikaner nicht mehr davor zurück, sich das bisher Unvorstellbare vorzustellen: die Zerschlagung der großen Tech-Konzerne.

© SZ/kler
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