Amazon Im Drachenboot

"Drachenboot" nennt Amazon seinen Plan, die Logistikkette von den Fabriken in China bis an die Haustüren deutscher Kunden zu beherrschen.

(Foto: Jan-Philipp Strobel/dpa)

Das Internetkaufhaus Amazon will in diesem Sommer Pakete in Berlin mit dem Elektrorad ausliefern - in einer Stunde. Die großen Logistikkonzerne reagieren auch bereits auf den hauseigenen Lkw-Lieferservice.

Von Stefan Mayr

Die Drachenboote kommen aus allen Himmelsrichtungen und steuern mit Höchstgeschwindigkeit auf Deutschland zu. In Berlin ist eines bereits angekommen, das nächste wird demnächst im Ruhrgebiet landen. "Drachenboot" (dragon boat), so nennt der US-Konzern Amazon seine aktuelle Offensive, mit der er eine komplette Logistikkette von den Fabriken in China bis an die Haustüren seiner Kunden in den USA und Europa aufbauen will. Das Projekt ist groß angelegt, so mancher deutsche Logistiker und Einzelhändler muss schon bald mit Umsatzeinbußen rechnen.

Bereits in diesem Sommer werden Elektro-Zweiräder für Amazon durch Berlin kurven und Pakete ausliefern. Das Ziel der wenigen Fahrzeuge: Auch in der Rush-Hour sollen die Kunden ihre Ware schon eine Stunde nach der Bestellung erhalten. Am Kurfürstendamm baut der Internetkonzern gerade seinen ersten Logistik-Standort im Zentrum einer deutschen Großstadt, um sein Schnell-Lieferangebot "Prime Now" einzuführen. Auch im Westen der Republik werkelt Amazon an seinem Turbo-Service: Ein Standort für ein zentrales Lager inmitten des Ruhrgebiets wird gesucht, Mitarbeiter für das neue Verteilzentrum werden bereits eingestellt.

Eine Person, die Einblick in die Pläne hat, drückt sich so aus: "Die Strategie ist, die gesamte Wertschöpfungskette der Logistik zu beherrschen und zu optimieren." Erklärtes Ziel: Der Wettbewerbsvorteil des stationären Händlers, der dem Käufer die Ware sofort in die Hand drücken kann, soll minimiert werden. "Das Motto lautet", sagt der Insider, "bis du losgefahren bist und einen Parkplatz gefunden hast, ist Amazon schon da."

Noch ist das künftige Auslieferzentrum im Berliner Einkaufszentrum "Kudamm-Karree" eine Baustelle. Die Fenster des ehemaligen Elektronik-Marktes sind abgeklebt. Amazon selbst macht zu dem Projekt keine Angaben, doch die Behörden bestätigen, dass sie dem Unternehmen eine Betriebserlaubnis erteilt haben.

Amazons Schnell-Lieferservice "Prime Now" funktioniert so: Wer 49 Euro Jahresgebühr bezahlt, wird "Prime-Kunde" und bekommt ohne Aufpreis vorrätige Waren innerhalb von zwei Stunden zugestellt. Wer seine Bestellung noch schneller braucht, bekommt diese gegen eine zusätzliche Gebühr sogar innerhalb einer Stunde geliefert. Dieses Angebot besteht bereits in etlichen Städten in den USA und England sowie in Mailand. Bald gilt es auch in Berlin, wo Lieferanten mit E-Rollern und anderen Fortbewegungsmitteln unterwegs sein werden. Da Deutschland für Amazon der größte Auslandsmarkt ist, werden weitere Metropolen der Republik folgen.

Auch in Hamburg und München sucht Amazon Standorte und verhandelt nach Medienberichten mit Lieferdienstleistern. Am weitesten scheinen die Pläne im Ruhrgebiet zu sein. Dort werden bereits Manager und Mitarbeiter für das neue Verteilzentrum eingestellt. Wo genau das Lager entstehen soll, verrät Amazon nicht: "Dazu können wir keine Angaben machen." Unter Amazon-Mitarbeitern kursiert das Gerücht, dass in Dortmund eine ähnliche Halle wie in Berlin oder Olching bei München entstehen soll.

Gut möglich ist, dass die neuen Amazon-Flieger bald in Frankfurt-Hahn landen

In München läuft seit 2015 ein Pilotprojekt für das sogenannte "Sameday"-Angebot, also die Zustellung am Tag der Bestellung. Hier liefern mittelständische Kurierdienste die Pakete aus und fügen damit den Amazon-Großkunden DHL und Hermes empfindliche Umsatzeinbußen zu.

Auch international baut Amazon seine Struktur als Transportunternehmen massiv aus: Anfang 2016 hat das Unternehmen in den USA 20 Frachtflugzeuge geleast und in China eine Reedereilizenz erworben, mit der es auf der Route "Shanghai - Hamburg" und elf weiteren Strecken Schiffstransporte abwickeln kann.

Gut möglich ist, dass die neuen Amazon-Flieger demnächst am Flughafen Frankfurt-Hahn landen. Eine Sprecherin des Airports bestätigt, es habe "Vertriebsgespräche" mit Amazon gegeben. Weitere Details nennt sie nicht. Es gibt sogar Berichte, wonach Amazon den Flughafen kaufen will. "Wir kommentieren Gerüchte nicht", sagt Amazon hierzu. Fakt ist, dass das Land Rheinland-Pfalz den defizitären Flughafen verkaufen wird. Nach Angaben des Innenministeriums liegen drei Kaufgebote vor. Namen der Bieter werden nicht genannt, aber der Vertrag soll demnächst unterzeichnet werden. Hahn wäre als Drehkreuz für Amazon nicht abwegig: Es läge inmitten Europas und in der Nähe des Logistikzentrums in Koblenz.

Das Drachenboot-Rennen nimmt Tempo auf, allmählich reagiert die deutsche Konkurrenz. Hermes-Aufsichtsratschef Hanjo Schneider hat Amazon diese Woche via Zeitungsinterview ein ungewöhnliches Angebot gemacht: Er könne sich vorstellen, dass Hermes die von Amazon geplanten Packstationen mitnutzt und so besser auslastet, sagte Schneider. Im Gegenzug könne Amazon "die Paketshops von Hermes in die eigene Zustellung mit einbeziehen". Amazon wollte diese Offerte auf Anfrage nicht kommentieren. Die Deutsche Post will noch in diesem Jahr 2000 Elektrofahrzeuge produzieren und mit ihnen Briefe und Pakete ausliefern. Ob das reicht, um das Drachenboot aufzuhalten? "Ich kann im Moment keinen disruptiven Ansatz für unsere Branche erkennen", sagte Post-Chef Frank Appel im März. Wenn er sich da mal nicht täuscht.