bedeckt München 28°

Amazon:Flucht nach vorn

FILE PHOTO: A delivery person pushes a cart full of Amazon boxes in New York

Ein Paketbote in New York: Amazon beliefert seine Prime-Kunden seit kurzem binnen 24 Stunden. Das kostet.

(Foto: Brendan McDermid/REUTERS)

Der Konzern investiert in seine 24-Stunden-Lieferung. Jeff Bezos ist deshalb nicht mehr der reichste Mann der Welt.

Für seine schnelleren Lieferungen zahlt der weltweit größte Onlinehändler Amazon einen hohen Preis, und Konzernchef Jeff Bezos ist bereit dazu. Amazon stellt seit April die Logistik um und liefert die Pakete für Mitglieder seines Prime-Abonnementprogramms nun innerhalb eines Zeitfensters von 24 Stunden vom Lager bis zur Haustür. Die hohen Investitionen in Höhe von derzeit 1,5 Milliarden Dollar schlagen aber auf den Gewinn durch. Er brach im Vergleich zum Vorjahr um knapp 28 Prozent auf 2,1 Milliarden Dollar (1,9 Milliarden Euro) ein, teilte der Konzern am Donnerstag nach US-Börsenschluss in Seattle mit. Es war das erste Mal seit 2017, dass Amazons Quartalsgewinn im Jahresvergleich sank. Damit hatten die meisten Börsianer nicht gerechnet. Da Amazon zudem die Erwartungen der Analysten hinsichtlich der Umsätze im wichtigen Weihnachtsquartal enttäuschte, stürzte die Aktie zeitweise um mehr als neun Prozent ab.

Das hatte unter anderem zur Folge, dass Amazon-Gründer Bezos im Milliardärs-Ranking hinter Microsoft-Gründer Bill Gates zurückfiel, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berechnete. Bezos kommt jetzt auf dem Papier auf ein Vermögen von etwa 104 Milliarden Dollar (94 Milliarden Euro), Gates auf 106 Milliarden Dollar (95 Milliarden Euro). Soweit die Rechenspiele, wichtiger für das Verständnis des Verlaufs des Aktienkurses ist die Strategie dahinter. Dazu sagte Bezos in einer Erklärung: "Die Kunden lieben den Übergang von Prime von zwei Tagen auf einen Tag - sie haben in diesem Jahr bereits Milliarden von Artikeln mit kostenloser Eintageslieferung bestellt. Es ist eine große Investition, und es ist die richtige langfristige Entscheidung für die Kunden." Charlie O'Shea, Analyst bei Moody's Investors Service, bezeichnete die Investitionen als "strategisch notwendig", um langfristig weiter steigende Umsätze und Gewinne zu erzielen. Gegenwärtig belasteten sie aber die Profitabilität des Handelsgeschäfts. Da sich das Wachstum im E-Commerce verlangsamt, hatte Amazon im April angekündigt, das Lieferfenster für Prime-Kunden zu verkürzen.

Ganz ohne Probleme ist allerdings auch der bisherige Gewinnbringer von Amazon nicht, die Cloud-Computing-Sparte Amazon Web Services (AWS). Den Vorsprung, den Amazon mit dem frühen Aufbau seiner Datenspeicher-Plattform hatte, wollen inzwischen gut finanzierte Konkurrenten wie Microsoft oder Google zunichtemachen. Amazon investiert daher auch in AWS sowie in seinen Streaming-Video-Dienst, und zwar jeweils auch in Personal. Das beobachten die Anleger genau, ebenso wie die Risiken einer zunehmenden regulatorischen Kontrolle der US-Regierung oder der EU. Von ihrem Jahrestief ist die Aktie aber noch weit entfernt.

© SZ vom 26.10.2019

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite