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Frankreich:Weihnachten ohne Amazon

Second Generation Bookstore Risks Closure In Coronavirus Lockdown

Der Buchhandel in Frankreich darf gerade nicht öffnen. Immer mehr Politiker fordern gleichzeitig zum Boykott von Amazon auf - gerade im Hinblick auf das bevorstehende Weihnachtsgeschäft.

(Foto: Kiran Ridley/Getty Images)

Der US-Internetkonzern avanciert in Frankreich zum öffentlichen Lieblingsfeind. Doch die Kritik offenbart auch die absurd wirkenden Widersprüche, in die sich das Land gerade verheddert.

Von Leo Klimm, Paris

Sie sind Ladenbesitzer, Gewerkschafter, Umweltaktivisten, Schriftsteller oder Politiker. Anne Hidalgo, die Bürgermeisterin von Paris, ist auch unter ihnen. In diversen Petitionen, die dieser Tage in Frankreich kursieren, fordern sie Extrasteuern für "Krisenprofiteure" und vor allem: "Weihnachten ohne Amazon". Kein einziges Geschenk, so der Aufruf, solle man beim Weltmarktführer für E-Commerce bestellen. Selbst Kulturministerin Roselyne Bachelot unterstützt den Boykott. "Sie fressen sich voll", giftet sie gegen Amazon, "es ist an uns, sie nicht zu mästen".

Zum Start des ersten Weihnachtsgeschäfts im Zeichen der Corona-Pandemie avanciert der US-Onlinehändler in Frankreich zum öffentlichen Lieblingsfeind. Zugleich allerdings offenbaren die zahlreichen Attacken auf den US-Konzern die absurd anmutenden Widersprüche, in denen sich das Land in der Corona-Krise verheddert. Schließlich ist es die französische Regierung, die das Geschäft von Versandhändlern wie Amazon ankurbelt, indem sie den Direktverkauf "entbehrlicher Güter" verbietet.

Zum Zwecke der Virusbekämpfung sind Modeboutiquen und Spielzeugläden dicht, in Supermärkten werden Schreibwaren mittels Bauzäunen vor Kauf geschützt. Polizisten verteilen Bußgelder an Buchhändler, die es wagen, das Verbot zu umgehen. Nur "Click and Collect" ist erlaubt, die Übergabe online bestellter Ware an der Ladentür. Weihnachten ohne Amazon, das ist unter diesen Umständen gar nicht so leicht.

Trotz Milliardenhilfen, die von der Regierung verteilt werden, stehen viele kleine Geschäfte vor der Pleite. Nach dem strengen Lockdown vom Frühjahr könnte ihnen der zweite, der auch noch ins Weihnachtsgeschäft fällt, den Rest geben. Zeitgleich boomt der Onlinehandel. In dieser Lage sehen sich Kritiker aller Art in ihren Vorwürfen gegen Amazon bestätigt: Die Einzelhändler fürchten, dass der übermächtige Wettbewerber ihre Existenz zerstört. Umweltschützer beklagen die Flächenversiegelung durch die riesigen Lager des Konzerns, Gewerkschaften prangern Amazons notorische Steuervermeidung sowie mangelnden Corona-Schutz am Arbeitsplatz an. Ein Politiker der Regierungsfraktion rechnet vor, dass für jeden Arbeitsplatz, der bei Amazon geschaffen wird, angeblich 2,2 Jobs an anderer Stelle verloren gehen.

"Wenn ich sehe, dass kleine Läden schließen, bricht mir das Herz", beteuert der Frankreich-Chef von Amazon, Frédéric Duval. Das Unternehmen verweist zur eigenen Verteidigung darauf, dass es im Land 9300 Mitarbeiter beschäftigt und etwa 11 000 französische Händler über seinen Online-Marktplatz Waren verkaufen. Und: Zwar beschert der Lockdown Amazon gute Geschäfte. Marktforscher melden jedoch, dass andere, heimische Onlinehändler wie Veepee oder Fnac, noch stärker zulegen.

Nächste Woche steht der Black Friday an, die große alljährliche Rabattaktion, die Amazon nach Europa gebracht hat. Die Regierung will nun den Aufschub des Black Friday um eine Woche erzwingen. Dadurch, so der Plan, bekämen die kleinen Läden doch etwas von dem Milliardengeschäft ab. Denn angesichts des massiven Drucks des Handels und leicht sinkender Corona-Zahlen erwägt die Regierung, im Dezember die Läden wieder zu öffnen. Rechtzeitig für ein Weihnachten ohne Amazon.

© SZ
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