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Aluminium:Im Auftrag Pekings

AFP PICTURE OF THE YEAR 2010

Kupfermine in der Provinz Fujian. China schafft sich Marktführer, um den Weltmarkt für Metalle zu erobern.

(Foto: AFP)

China prescht auf dem Weltmarkt für wichtige Metalle vor und hilft offenbar mit Subventionen in Milliardenhöhe nach.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Die Geschichte mit dem Magnesium hat Volker Backs noch nicht vergessen. "Wir hatten das modernste Werk der Welt auf die Beine gestellt, in Kanada", sagt Backs, Chef der Hydro Aluminium Deutschland. "Aber wegen der Überproduktion aus China mussten wir es schließen." 2006 war das, seinerzeit zog sich die norwegische Norsk Hydro weitestgehend aus dem Magnesiumgeschäft zurück. Bitter: Kurz danach schoss der Preis für das Metall wieder in die Höhe. Die chinesische Strategie schien aufgegangen zu sein.

Derzeit muss Backs fürchten, dass sich die Geschichte wiederholt. Wieder pirschen sich Konkurrenten aus China an einen wichtigen Werkstoff heran. Diesmal ist es Aluminium. Schon jetzt wird weit mehr als jede zweite Tonne dort hergestellt, lassen massive Überkapazitäten die Preise fallen, ähnlich wie beim Stahl. "Das drückt das Preisniveau in der westlichen Welt", sagt Backs. "Deshalb investiert hier keiner mehr in Aluminium." Und nach Auffassung der Branche geht es dabei alles andere als fair zu.

Eine Studie des Münchner Ostasien-Experten Markus Taube soll das belegen. Sein Forschungsinstitut untersuchte 65 chinesische Unternehmen, die im Geschäft mit sogenannten Nichteisen-Metallen aktiv sind, also Aluminium, Kupfer, Nickel, Wolfram oder Zinn. Ergebnis: Vor allem staatliche Unternehmen erhalten massive öffentliche Zuwendungen. "Diese Unternehmen werden bewusst zu National Champions herangezogen, die dann auch auf globaler Ebene aus einer Position der Stärke heraus agieren sollen", heißt es in der Studie. Demnach verbuchten die 65 Firmen zwischen 2010 und 2016 insgesamt 5,2 Milliarden Euro Subventionen als "betriebsfremdes Vermögen". Am Ende machten diese im Schnitt 44 Prozent ihrer Gewinne nach Steuern aus. Die Listen mit den staatlichen Zuwendungen füllen Seite um Seite in der Studie.

Wege finden sich offenbar reichlich. So habe die Aluminium Corporation of China mal eben 60 Millionen Euro Zuschuss für die Energiekosten erhalten, fand das Team um Taube in den Bilanzen. Andere Unternehmen erhielten Geld für Kohle, für die Modernisierung der Produktion oder als Beigabe zur Steigerung der Energieeffizienz. "Da wird gezielt eine Branche hochgezüchtet", sagt Taube. Im Gegenzug erhalte sie Vorgaben, welche Legierungen sie noch entwickeln muss: um die nicht mehr importieren zu müssen. Schließlich brauche jede zweite Industrie, die Peking derzeit besonders fördere, die begehrten Metalle. Hinter allem steht die Regierungsstrategie "Made in China 2025", mit dem das Land auch bei Spitzentechnologie aufschließen soll.

Die Offensive ist keineswegs auf Alu beschränkt. Beim Kupfer etwa entfällt ein wesentliches Geschäft auf das Schmelzen des Kupfererzes. "Wir sehen den Trend, dass die Schmelzlöhne sinken", sagt Ulf Bauer, Manager beim Hamburger Kupfer-Spezialisten Aurubis. Auch hier kämen massiv chinesische Anbieter auf den Markt. "Die Unternehmen werden durch Kapitalspritzen am Leben gehalten", sagt Forscher Taube. "Es gibt quasi keins, das Konkurs geht."

Die Studie kommt nicht zufällig gerade jetzt. Die EU-Kommission arbeitet an einem Bericht zu China, er soll die Marktverzerrungen dokumentieren. Basierend darauf wiederum ließen sich dann Schutzzölle definieren. Schon jetzt unterliegen viele der Nichteisen-Metalle einem Außenzoll. Doch unklar ist, auf welcher Basis in Zukunft Anti-Dumping-Zölle festgelegt werden. Sie sollen die Kluft zwischen "Marktpreisen" und künstlich gesenkten Preisen stopfen. Was aber, wenn die Marktpreise in China ebenfalls niedrig gehalten werden? Die Wirtschaftsvereinigung Metalle befürchtet genau das. "Chinesische Preise dürfen nicht bei der Zollberechnung genutzt werden", heißt es in einem Papier des Branchenverbands. Schließlich seien alle Sektoren "marktverzerrt".

An Schutzzöllen, sagt Hydro-Mann Backs, führe kein Weg vorbei. "Natürlich sind wir für Wettbewerb", sagt er. "Aber vor unfairem Wettbewerb müssen wir uns schützen."

© SZ vom 02.05.2017
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