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Altersvorsorge:Herr Kaiser kommt nicht wieder

Illustration: Stefan Dimitrov

Die klassische Lebensversicherung ist in der Krise. Dabei gibt es einen großen Markt. Millionen Deutsche suchen eine einfache Möglichkeit zur privaten Vorsorge.

Der umtriebige Herr Kaiser war 37 Jahre lang das Gesicht der deutschen Lebensversicherung. Von 1972 bis 2009 warb die Figur ("Hallo, Herr Kaiser") für die Hamburg-Mannheimer, die vor allem Lebensversicherungen verkaufte. 2009 schaltete Ergo, wie die alte Hamburg-Mannheimer jetzt heißt, die Werbe-Ikone ab. Endgültig zu Tode brachte sie sie im Sommer 2016. Da verkündete Markus Rieß, seit 2015 Chef des Düsseldorfer Versicherers, dass die 5,5 Millionen Lebensversicherungsverträge der Hamburg-Mannheimer in die Abwicklung gehen. Die Firma nimmt kein Neugeschäft mehr an. Wenn sie in einigen Jahrzehnten den letzten Kunden ausgezahlt hat, ist die Gesellschaft abgewickelt.

Schon seit 2010 wickelt der Ergo-Konzern die Tochter Victoria Lebensversicherung ab. Künftig sollen die Ergo-Vertreter "kapitalmarktnähere" Verträge verkaufen, bei denen es keine Zinsgarantie für die Kunden mehr gibt, sondern höchstens eine Garantie, die eingezahlten Beiträge zu erhalten. Meistens liegen Fonds hinter den Policen. Die Kunden tragen einen großen Teil des Kapitalmarktrisikos, dem ihr Geld ausgesetzt ist. Für dieses Geschäft richtet Ergo die bereits bestehende kleine Tochter Vorsorge Lebensversicherung her.

Die niedrigen Zinsen plagen die Lebensversicherer

Offenbar haben die Ergo und ihr Eigner Munich Re die Lust an der sogenannten klassischen Lebensversicherung verloren, die jahrzehntelang im deutschen Markt dominierte und von den Konzernen als unverzichtbarer Bestandteil der Altersvorsorge für Millionen Deutsche dargestellt wurde.

Für diese überraschende Entwicklung gibt es mindestens drei Gründe. Einmal plagen die niedrigen Zinsen die Lebensversicherer. Zweitens gilt seit Januar 2016 das neue europäische Aufsichtsrecht Solvency II, wonach sie für klassische Verträge mit Garantien sehr viel Kapital vorhalten müssen. Drittens aber ist ein Geschäftsmodell der Branche krachend gescheitert.

In den Neunzigerjahren drängten die Versicherer die Bundesregierung darauf, die seit den Fünfzigerjahren geltende Obergrenze von drei Prozent für Zinsgarantien an die Kunden nach oben zu verschieben. Nur so, kalkulierten die Versicherungsbosse, hatten sie mit ihren teuren Verträgen eine Chance gegenüber Bankangeboten und Fonds, die fünf Prozent und mehr Rendite zahlten. Der Garantiezins für die gesamte Dauer des Vertrags war das Alleinstellungsmerkmal, auch wenn er nicht auf die eingezahlte Summe, sondern nur auf den Sparanteil gutgeschrieben wird. Er beträgt bei den meisten Gesellschaften um die 90 Prozent der Zahlungen, bei manchen auch nur 80 Prozent oder noch weniger. Verbraucherschützer und Presse, die eine höhere Kundenbeteiligung an den Gewinnen forderten, trugen zum Druck bei.

Die Folge: Das Geschäft boomte. Heute sitzen die Versicherer auf mehreren Hundert Milliarden Euro an Kapitalanlagen, die sie jedes Jahr mit drei oder vier Prozent Zinsen bedienen müssen - angesichts der Niedrigzinsen eine kaum lösbare Aufgabe.

Der Gesetzgeber hat geholfen und eine besondere Reserve für die Alt-Garantien eingeführt, die Zinszusatzreserve. Aufgebaut wird sie aber nicht von den Aktionären der Versicherer, die damals die Zinsgarantien abgaben, sondern von den übrigen Kunden mit niedrigeren Garantien. Ihre Renditegutschriften werden gekürzt, damit die Versicherer die hohen Garantien bedienen können.

Aber selbst mit diesem staatlich initiierten Kunstgriff hat die Branche große Probleme mit ihren Altverträgen. Mancher Versicherer versucht jetzt, Kunden mit vier Prozent Zinsgarantie zur Kündigung oder zum Umstieg auf andere Verträge zu bewegen. Angesichts der Zinslage und der Tatsache, dass die Kunden einst hohe Kosten bezahlt haben, ist das für die meisten Betroffenen kein empfehlenswerter Weg.

Das alte Geschäftsmodell ist tot. Herr Kaiser kommt nicht wieder. Die Versicherer versuchen, mit Alternativen aus der Bredouille zu kommen. Da gibt es fondsgebundene Angebote, Zwei- oder Dreitopfhybride und alle möglichen anderen Angebote. Den meisten ist gemeinsam, dass sie immer noch zu teuer sind - schließlich wollen die Versicherer ihre Vertriebstruppen nicht verprellen. Immer noch zahlen die deutschen Lebensversicherer über sieben Milliarden Euro jährlich für Provisionen und andere Abschlusskosten.

Das ruft inzwischen auch die Finanzaufsicht auf den Plan. Frank Grund, Chef der Versicherungsaufsicht, teilte am Montag bei einer Konferenz der Süddeutschen Zeitung in Köln kräftig aus. "Es scheint vor allem bei den Abschlusskosten noch Bedarf zu bestehen", mahnte Grund und rechnete vor. Es gebe immer noch Versicherer, die ihren Kunden 7,5 Prozent der Beitragszahlungen als Kosten berechneten. Das laufe auf eine erhebliche Reduzierung der Rendite hinaus - und das angesichts eines höchstens erlaubten Garantiezinses von 0,9 Prozent ab 2017. "Da ist eine Belastung der Rendite durch Abschlusskosten in Höhe von 0,45 Prozent schon bemerkenswert."

Viele in der Branche haben Probleme, denken über Bestandsverkäufe oder Stilllegungen nach und geben das klassische Geschäft auf. Nur einigen wenigen wie dem Marktführer Allianz geht es weiterhin ganz gut mit ihrer Lebensversicherung, weil sie hohe Puffer haben.

Jetzt versucht der Gesetzgeber, der privaten Altersvorsorge frisches Leben einzuhauchen. Dafür soll die betriebliche Altersvorsorge reformiert und zum ersten Mal ein sogenanntes Opt-Out-Modell realisiert werden. Das bedeutet: In einem Betrieb, der die neue Nahles-Rente einführt, sind zunächst alle Mitarbeiter automatisch Mitglied des Systems und zahlen einen Beitrag, der von ihrem Gehalt abgezogen wird. Um das zu vermeiden, muss ein Arbeitnehmer ausdrücklich widersprechen. Damit, so hofft Arbeitsministerin Andrea Nahles, wird die Verbreitung gefördert und können die Kosten gesenkt werden.

Wer im Berufsleben arm ist, weil er wenig verdient, wird auch als Rentner arm sein

Ganz klar, der Bedarf ist da für die private Vorsorge. Das Geld auch. Millionen von Deutschen suchen eine einfache Möglichkeit, Geld für das Alter zurückzulegen. Das sind weniger diejenigen, die es eigentlich am nötigsten hätten: die Bezieher kleiner Einkommen, deren gesetzliche Rente im Alter sehr niedrig ausfallen wird. Sie haben selten die 100 Euro bis 200 Euro monatlich übrig, die sie zum Ansparen für eine fühlbare private Altersrente brauchen. Wer im Berufsleben arm ist, weil er schlecht verdient, ist auch arm als Rentner.

Der eigentliche Bedarf für die private Altersvorsorge kommt von gut verdienenden Beschäftigten und Selbstständigen. Aktien misstrauen sie, Immobilien haben sie entweder schon oder finden sie zu teuer, Fonds ohne Garantie zu unsicher. Aber es ist offen, ob bei dieser Zielgruppe die traditionellen, mit Altlasten gebeutelten Lebensversicherer weiter punkten können. Neue, digitale Anbieter stehen in den Startlöchern. Möglicherweise legen Banken und Sparkassen doch sinnvolle Sparpläne und Entnahmepläne auf, statt nur an den Provisionen aus der Vermittlung von Lebensversicherungen an ihre Kunden verdienen zu wollen.

Die kommenden Jahre werden spannend im Riesenmarkt Altersvorsorge.

© SZ vom 17.11.2016

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