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Alternativen:Der Staat im Aufsichtsrat

Giacomo Corneo, Professor für Öffentliche Finanzen, sagt: "Der Aktiensozialismus ist bewusst ein evolutionärer Versuch." Der Italiener glaubt, das sich die Menschheit an einer Weggabelung befindet und sich entscheiden muss.

Aktien und Sozialismus sind zwei Begriffe, die im Grunde nicht so recht zueinander passen. Giacomo Corneo, Professor für Öffentliche Finanzen, verwebt diese Elemente: Die Marktwirtschaft bleibt erhalten, das Privateigentum wird jedoch eingeschränkt. "Der Aktiensozialismus ist bewusst ein evolutionärer Versuch", sagt Corneo von der Freien Universität in Berlin. Voraussetzung dafür ist eine neue Institution, die nach dem Vorbild der Bundesbank gestaltet sein soll. Corneo hat sie Bundesaktionär getauft. Anstatt um stabile Preise, kümmert sich der Bundesaktionär um Renditen von Großkonzernen. Denn die großen Unternehmen gehören im Aktiensozialismus zu 51 Prozent dem Staat.

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Doch im Gegensatz zur Planwirtschaft leitet sie der Staat nicht. Das machen weiterhin Manager - wie auch in anderen Firmen mit Mehrheitsaktionären. Die Öffentlichkeit nimmt über einen anderen Kanal Einfluss: Vertreter des Bundesaktionärs sitzen in den Aufsichtsräten. Gewinne sind im direkten Interesse des Staates, denn er profitiert finanziell: "Die Kapitalrenditen teilen sich dann nicht nur Minderheiten, sondern fließen auch in den öffentlichen Haushalt", sagt Corneo. Eine soziale Dividende, die mehr Geld für den Wohlfahrtsstaat und damit eine gerechtere Verteilung des Wirtschaftswachstums bedeute.

Das Konzept ist Ergebnis seiner Forschung zu Ungleichheit und Umverteilung. Beeinflusst hat ihn der Wirtschaftsnobelpreisträgers Joseph Stiglitz: "Er zeigt, dass auch komplizierte ökonomische Fragestellungen mit den Instrumenten der Mathematik gelöst werden können."

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Der gebürtige Italiener Corneo glaubt, dass wir uns an einer Weggabelung befinden: Wollen wir ein System mit einer kapitalistischen Elite und einer Mehrheit ohne Mitspracherecht? Oder wollen wir eine wirklich offene Gesellschaft mit politischer und ökonomischer Selbstbestimmung? Ihm ist bewusst, dass seine Idee des Aktiensozialismus auf Widerstände stoßen wird. Bei den Eliten, aber "leider auch in den Köpfen derjenigen, die eigentlich am meisten davon profitieren würden". Er meint die Mittelschicht.