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Alternative zum Bruttoinlandsprodukt:Sogar die Deutsche Post versucht, das Glück zu messen

Einer der ersten Ökonomen, die wissenschaftlich fundierte Zweifel an den Wohlfahrtseffekten von BIP-Steigerungen anbrachten, war der US-Volkswirt Simon Smith Kuznets 1934. Soll heißen, die Zunft ist sich seit langem über die Mängel des BIP bewusst. Allein, sie findet keinen besseren Maßstab. Alle Alternativen überzeugten bislang nicht. Das Königreich Bhutan machte sich zwar das "Bruttosozialglück" zum Staatsziel, aber niemand käme ernsthaft auf die Idee, deswegen dorthin auszuwandern.

Und geht man nach dem "Happy Planet Index", leben die glücklichsten Menschen in Vanuatu, im Südpazifik, oder in Kolumbien. Die führende Wirtschaftsmacht der Welt, die USA, wird hingegen nur unter ferner liefen aufgeführt. Dabei hat sie das "Glücksstreben" ("pursuit of happiness") in ihrer Unabhängigkeitserklärung verankert.

Inzwischen haben so viele Organisationen - die OECD, die EU, die Vereinten Nationen, die Weltbank, einzelne Statistikbehörden - neue Berechnungsmethoden untersucht oder initiiert, dass man leicht den Überblick verlieren könnte. Der Deutsche Bundestag zog 2011 mit einer Enquete-Kommission als eine der vorerst letzten Institutionen nach. Selbst die Deutsche Post veröffentlicht inzwischen, wo ihrer Meinung nach die glücklichsten Deutschen leben.

Woher das euphorische Basteln am "Glücksindikator" kommt? Es ist von Frankreich nach Deutschland übergesprungen. Auf Initiative des damaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy veröffentlichte 2009 eine hochkarätige Experten-Kommission rund um den Nobelpreisträger Joseph Stiglitz einen Bericht über Ergänzungsmöglichkeiten des BIP. Die "fünf Weisen" reichten mit ihren französischen Kollegen, abermals im Auftrag der Regierungen, ein Jahr später einen gemeinsamen Rapport nach. Doch weil sie nicht mit dem einen einzigen seligmachenden "Indikator", den es nicht gibt, aufwarteten, ging das Dokument unter.

Weder die Verfasser noch die Rezipienten waren damit zufrieden, nur das BIP durfte sich freuen. Es wird trotz der wachsenden Konkurrenz bis auf Weiteres ein unverzichtbarer Wegweiser für Politiker und die Öffentlichkeit bleiben. Das Glück muss einstweilen auf seine Vermessung warten. Vermutlich darf man darüber froh sein. Oder um es mit George Bernard Shaw, dem Schriftsteller, zu sagen: "Glück ein Leben lang! Niemand könnte es ertragen: Es wäre die Hölle auf Erden."