Süddeutsche Zeitung

Versicherungen:Allianz schafft Deutschland-Holding ab

Lesezeit: 3 min

Der Versicherungskonzern beginnt einen Großumbau, rund 12 300 Mitarbeiter sind betroffen. Arbeitsplätze sollen jedoch nicht gestrichen werden.

Von Herbert Fromme, Köln

Allianz-Chef Oliver Bäte macht ernst. Er schafft eine ganze Ebene in dem bislang verschachtelten Konzern komplett ab. Die 2005 gegründete Allianz Deutschland AG wird als aktives Unternehmen stillgelegt. Künftig steuert die Welt-Holding Allianz SE die drei großen Versicherer und die Vertriebsgesellschaft im Heimatmarkt direkt.

Mehr als 80 Prozent der 12 300 Mitarbeiter wechseln in eine dieser Gesellschaften, die dadurch deutlich gestärkt werden. Es geht um die Allianz Versicherung, die Allianz Lebensversicherung, die Allianz Private Krankenversicherung sowie die Allianz Beratungs- und Vertriebs-AG. Die anderen Angestellten gehen in die Holding oder in spezielle Dienstleistungsfirmen. Die Vertreter bleiben wie bisher bei der Vertriebsgesellschaft.

Arbeitsplätze sollen durch die Umstrukturierung nicht gestrichen werden. "Es gibt keinen einzigen Mitarbeiter, der durch diesen Schritt jetzt seinen Job verliert", versichert Bäte im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. "Natürlich haben wir anspruchsvolle Sparpläne, die aber unabhängig von der aktuellen Veränderung sind." Die Allianz will die Kostenquote spürbar senken. "Das wollen wir mit Internationalisierung und Skalierung von Prozessen und Produkten erreichen, etwa über stark verringerte Entwicklungskosten."

"Wir werden internationaler, direkter und schneller", begründete Konzernchef Bäte den Schritt. "Vierzig Prozent unserer Kunden sind bei Amazon, und die Hälfte von ihnen würde ein Versicherungsangebot von Amazon sehr sorgfältig prüfen", erklärte er. "Gegen diese Art von Konkurrenz kann man mit Kleinstaaterei nicht bestehen." Das gilt auch für Rivalen aus dem eigenen Lager: So hat die Allianz schon vor zehn Jahren die Marktführerschaft in der Kfz-Versicherung an die HUK-Coburg verloren, die früh einen digitalen Versicherer auf den Markt brachte.

Die anderen Länder-Dachgesellschaften der Allianz, zum Beispiel in Frankreich, seien reine Finanzholdings mit sehr wenigen operativen Aufgaben, sagt Bäte. "Wir machen das, was wir jetzt in Deutschland machen, auch schon in Asien und Osteuropa." Bäte ist seit einiger Zeit unzufrieden mit der Struktur und möchte den gesamten Konzern vereinfachen.

Die deutschen Gesellschaften sollen der Motor für den digitalen Fortschritt des Konzerns in Europa werden - und dafür müsse nun mal die Struktur geändert werden. Bäte nennt ein Beispiel: "Die Allianz Lebensversicherung hat eine sehr gute Expertise in der Entwicklung von Versicherungsprodukten und in der Finanz-IT für Lebens- und Krankenversicherer." Die Allianz wolle beides für ganz Europa nutzen. "Das ist die eigentliche Idee."

Künftig ist die Allianz Deutschland eine leere Hülle

Bislang greifen die operativen Gesellschaften für einen großen Teil ihrer Arbeit auf Dienstleistungen der Allianz Deutschland zurück. Künftig sollen sie wieder mehr selbst organisieren. Das werde die Effizienz erhöhen und Zeiten für die Einführung neuer Angebote verkürzen, hofft der Konzern. Der Online-Versicherer Allianz Direct gehört bereits der Obergesellschaft. Auch hier will Bäte kräftig ausbauen und die Autoversicherung in Deutschland, Italien, den Niederlanden und Spanien unter ein Dach bringen.

Rechtlich bleibt die Allianz Deutschland AG zwar bestehen. Über sie hält der Konzern auch weiter alle Anteile an den Tochtergesellschaften - aber sie hat künftig keine Mitarbeiter mehr. In anderen Worten: Sie ist dann nur noch eine leere Hülle. Gleichzeitig schließt die Allianz SE Beherrschungs- und Gewinnabführungsverträge mit den operativen Gesellschaften und kann so direkt durchregieren.

Wer von den betroffenen Mitarbeitern wohin wechselt, ist wohl noch nicht endgültig mit den Betriebsräten ausgehandelt. Jedenfalls will der Konzern keine Einzelheiten nennen. In Unternehmenskreisen heißt es, dass nur rund 400 direkt zur Allianz SE gehen. Rund 1000 dürften zur Allianz Technology wechseln, dem konzerneigenen IT-Dienstleister. Zwischen 300 und 400 werden künftig für eine neue "Markteinheit" arbeiten. Diese GmbH soll unter der Leitung des jetzigen Vorstandsmitglieds Bernd Heinemann den gemeinsamen Auftritt in Deutschland koordinieren. Knapp 7 000 Mitarbeiter werden wohl nach der jetzigen Planung zur Allianz Versicherung wechseln, weitere 3 000 zu den Lebens- und Krankenversicherern.

Von den Vorstandsmitgliedern der Allianz Deutschland verlässt nur Operations-Chef Fabio De Ferrari die Gruppe. Er scheidet zum 31. März 2021 "auf eigenen Wunsch" aus. Die übrigen Vorstände der Allianz Deutschland AG sind entweder wie der Vorsitzende Klaus-Peter Röhler und Personalchefin Renate Wagner bereits gleichzeitig im Vorstand der Allianz SE. Die anderen bleiben bei den Tochtergesellschaften.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5236431
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.